Diese Begebenheit wird im Buch PRAXIS DER URBANEN BOGENJAGD geschildert. Das Buch ist im Eigenverlag Christian Heinz 2026 erschienen.
Während einem meiner Besuche im Herbst 2025 patrouillierte ich gemeinsam mit Daniel, Diego und Cecilio in einem Abschnitt mit vielen Villenvierteln entlang der Küste. Wir fuhren alle bekannten Hotspots wie Mülltonnen, Parkanlagen, Strände und Gebüsche neben den Straßen ab aber wir konnten keine Spur der wildlebenden Schweine entdecken. Daniel war der Meinung, sie seien möglicherweise ins Hinterland gewechselt. Doch dann bekam er einen Anruf vom Präsidenten einer Hausbesitzervereinigung eines dieser Villenviertel. Er war verzweifelt, da es in ihrem Viertel, welches auf einem Hügel gelegen war, zu einer ungewöhnlichen Konzentration von wildlebenden Schweinen kam, und das bereits seit mehreren Monaten. Es wurden immer mehr.
Für den nächsten Abend verabredeten wir uns vor Ort mit einem der Sicherheitsdienstleute, die Tag und Nacht im Viertel patrouillierten. Er klärte uns auf. Auf einem noch unbebauten Grundstück am Fuße des Hügels hatte einer der Anrainer eine riesige Fütterungsstelle, inklusive halb eingegrabener Fässern mit Wasser, angelegt und dorthin pilgerten die Schweine jede Nacht.

Nachdem die Dunkelheit hereingebrochen war, fuhren wir mit dem Wachmann zu dieser Stelle. Als ich vom Wagen ausstieg, verschlug es mir beinahe den Atem, so stark war der penetrante Geruch der Schweine. Von einer kleinen Anhöhe aus blickten wir in die Senke, 40 Meter vor uns, und ich konnte meinen Augen kaum trauen. Eine unfassbare Anzahl an Schweinen sammelte sich dort. Das Wärmebildgerät zeigte nur noch rot.
Eine Staubwolke hing über ihnen, direkt in der Senke wuchs kein einziger Grashalm mehr. Ein Quicken und Grunzen untermalte diese surreale Szene quasi musikalisch. Die dominanten Muttertiere mit ihrem Nachwuchs verteidigten ihren kleinen Bereich der reich gedeckten Tafel gegen unvorsichtige Schweine, die sich diesem näherten. Mehrere halbwüchsige, männliche Schweine maßen lautstark quitschend ihre Kräfte.
Am Rand der Senke, von uns aus gesehen links, unter ein paar abgeschrammten Bäumen, lagen weitere Bachen und säugten den Nachwuchs, keine zehn Meter von der Straße entfernt, die auf den Hügel führt. Auf der anderen Straßenseite befindet sich das Haus des Schweineliebhabers. Rechts der Senke, die eine Durchmesser von zirka 50 Metern aufweist, ist ein dicht bewachsener Graben. Durch diesen schlängelt sich ein Bach, der vom Hügel durch eine kleine Schlucht herunterfließt. Die Hänge der Schlucht sind steil, teilweise 20 Meter hoch. Zwischen dem Graben und der Senke gab es ein reges Kommen und Gehen.
Nach einigen Minuten des staunenden, stillen Beobachtens begannen wir uns über diesem Schweine-Hotspot zu unterhalten. Der Wachmann erzählte uns, dass der Schweineliebhaber wahrscheinlich Russe sei, er spricht ein nur sehr rudimentäres Spanisch mit deutlichen Akzent, so um die 60 Jahre alt, womöglich mit einer militärischen Vorgeschichte. Das vermutete der Wachmann wegen dessen strammen Körperhaltung und seines athletischen Körpers. Ich begann danach die Schweine zu zählen, was wegen der permanenten Bewegung aber alles andere als leicht war. Nach etwa einer Minute hatte ich 70 Schweine vor mir gezählt, die saugenden Frischlinge an den drei liegenden Bachen nicht mit einbezogen, und vermutlich lagerten noch mehr Schweine verborgen im Unterholz oder dem Graben.
Wir beschlossen, erstmals das Umfeld zu erkunden und fuhren mit dem Wagen den ganzen Hügel mit den Villen ab. Überall waren ungeschützte Vorgärten und Randstreifen von den Schweinen umgegraben (gebrochen) worden. Zweimal kamen uns kleinere Rotten mit Schweinen entlang der Straßen entgegen und auch auf dem ebenfalls unbebauten Grundstück über der Senke, durch das die kleine Schlucht verläuft, gab es einige Bewegung.
Zur späten Nachtstunde, wir hofften, dass nun alle Anrainer in ihren Betten waren, schritten wir zur Tat. Die Autos wurden wieder auf die Anhöhe über der Senke gefahren, Cecilio holte die Plastiktüte mit dem Mais aus dem Wagen und raschelte lautstark damit. Als ob die Essensglocke geläutet hätte, kamen einige der jüngeren Tiere (Frischlinge und Überläufer) angelaufen, hielten aber anfangs noch einen Sicherheitsabstand. Zwei der Halbwüchsigen (Überläufer) kämpften direkt vor Cecilio und wirbelten dabei jede Menge Staub auf. Diego hatte seinen Bogen bereits mehrfach aufgezogen, musste aber immer wieder absetzen, da die anvisierten Schweine entweder zu eng beieinander standen, sich bewegten oder der Schusswinkel nicht optimal war. Nach etwa 15 Minuten passte es dann, die Bogenlampe leuchtete kurz auf, dann erklang der dumpfe Schlag der vorschnellenden Sehne.
Das getroffene Schwein, welches der Jagdpfeil glatt durchschlagen hatte, machte ein paar schnelle Sätze (Fluchten) nach vorne, verfiel in einen Trab, taumelte und stürzte in 20 Meter Entfernung, wo es nach kurzem Schlägeln regungslos liegenblieb. Die anderen Schweine machten ebenfalls ein paar kurze Sätze, beruhigten sich aber schnell und kamen wieder zum Fressen. Das leblose Schweinchen in unmittelbarer Nähe beachteten sie nicht mehr. Dann hatten sie aber genug und zogen wieder in die Senke hinunter. Wir folgten mit langsamen Bewegungen direkt hinterher. Cecilio und Diego postierten sich etwa 20 Meter voneinander entfernt um den Rand der Senke und warteten auf eine günstige Gelegenheit in diesem endlosen Treiben. Diego konnte nach kurzer Zeit noch eines der Schweine strecken, dann hatten wir genug für diese Nacht.
Wir kamen von da an in drei Nächten in Folge wieder und es fielen sieben weitere Schweine. Diesmal aber erlegten wir diese nicht mehr auf dem zentralen Platz, sondern entlang der kleinen Pfade (Wechsel), die zur Senke führen. Besonders erfolgreich gelang das am Eingang der Schlucht, die wie ein natürlicher Trichter wirkt. Dass wir uns nun auf die Wechsel konzentrierten hatte mehrere Gründe. Einerseits wollten wir so wenig wie möglich Zeugen, sowohl menschlichen wie auch tierischen Ursprungs und anderseits hatte der Schweineliebhaber etwas mitbekommen und patroullierte nun seinerseits bis tief in die Nacht hinein mit seiner Stirnlampe entlang der Senke.
Dann musste ich leider wieder zurück nach Österreich und konnte bei der weiteren Reduzierung nicht mehr persönlich Zeuge sein. Die Rolle des "Russen", so wurde der Schweineliebhaber von uns und den Wachleuten genannt, ist mir bis heute nicht klar, ich habe aber eine Vermutung.
Bei einer unserer Fahrten fuhren wir an seiner Garage vorbei, die weit offen stand. Darin hätten locker fünf oder sechs PKW´s Platz gehabt, er parkte seinen Wagen aber draußen auf der Straße. In der Garage waren mehrere Paletten, auf denen sich Säcke mit Futtermittel stapelten. Die ganze Garage war voll damit. Man muss wohl wildlebende Schweine sehr gern haben, um einen solchen finanziellen und persönlichen Aufwand zu betreiben. Im Gegenteil dazu hatte der Mann am Grünstreifen vor seinem Haus, zur Straße hin, einen kniehohen Elektrozaun errichtet, um die Schweine von seinem Grundstück abzuhalten.
Ich vermute, dass dieser Mann möglicherweise für ein Immobilienunternehmen arbeitet, das Interesse am Kauf einer oder mehrerer Villen in diesem Viertel hat. Eine ähnliche Methode wurde erst vor kurzem in Österreich aufgedeckt, bei der die Eigentümer von Altbauwohnungen, die mit gesichert niedrigen Mieten ausgestatteten Mieter "vergrausigen" wollten, indem Hausbesetzer und Asoziale aus der Drogen- und Punkszene gezielt über einen Strohmann in die Nachbarschaft geleitet wurden. Möglicherweise handelt es sich in diesem Villenviertel an der Costa del Sol um einen ähnlichen Fall, das ist aber wie bereits erwähnt, nur eine Vermutung meinerseits.