Text von Christian Heinz | Veröffentlicht im JAGABLATTL | Ausgabe 7 | März 2021 | überarbeitet 2025
Mit der Jagd verbindet "Otto Normalverbraucher" aus der urbanen Gesellschaft meist Gamsbart, Lodenoutfit und Jagdhornbläser, um bewusst nur positive Aspekte zu benennen. Vielen fallen auch weniger schmeichelhafte ein. Warum ist es so schwierig für uns Jäger, die wesentlichsten Kernaufgaben unseres Tuns, nämlich das Ernten von hochwertigen Wildtierprodukten und das Gewährleisten einer artgerechten Lebensweise unseres Wildes im Spannungsfeld mit dem Mensch, glaubwürdig in den Mittelpunkt der öffentlichen Wahrnehmung zu stellen? Ein wichtiger Punkt dabei ist sicherlich, dass Sterben in der Öffentlichkeit zum Tabu geworden ist, dass der urbane Mensch den Überblick über Zusammenhänge der Natur verloren hat und es ein gutes Geschäft ist, den modernen Ablasshandel zu betreiben. Dazu kommt, dass die Selbstdarstellung der Jägerschaft oft nicht ganz stimmig erscheint. Wie kam es aber dazu und muss das so bleiben?
Die Amerikaner sind im Vergleich zu uns Europäern in manchen Dingen viel direkter. "Tiere töten und essen" lautet der deutsche Titel von Steven Rinellas Buch "Meat Eater". Mit entwaffnender Offenheit schreibt er über seinen Werdegang als Jäger mit allen Verfehlungen, aus denen er auch gelernt hat. Alleine deshalb ist das Buch schon lesenswert. Er beschreibt aber auch, wie er sich und seine Familie größtenteils mit selbst erjagtem und gefischtem ernährt und vom Verkauf "geernteter" Produkte aus Tieren lebt. Das ist sein "Lifestyle" und das normalste auf der Welt für Steven.

Es gibt in unserer Gesellschaft aber mehrere "Glaubensgruppen", was die Ernährung bzw. den Kauf dieser betrifft. Zwei davon möchte ich hier, zum besseren Verständnis unseres Dilemmas, kurz beschreiben. Die erste, sie soll hier als die "Egal-was-Fleischfresser Gruppe" bezeichnet werden, isst fast jeden Tag Fleischprodukte aus der Tiefkühltruhe des Supermarktes. Wichtig dabei ist der billigste Preis und große Mengen - am besten nur Edelteile. Zum Beispiel 10 Hühnerkeulen um 9,99 Euro. Beim Kauf von drei Packungen ist eine Gratis. Das XXXL vor dem Burger ist ein Muss!

Eine andere Gruppe, nennen wir sie einfach die "Trendy-Veggie-Gruppe", glaubt im Gegensatz dazu, sich und der Umwelt etwas Gutes zu tun, wenn sie die originale Veggie Extrawurst, das Rostbratwürstchen aus Tofu (das gibt es jetzt ja nach einer EU Verordnung nicht mehr) und das vegetarische Tiefkühlmenü aus biologisch und fair angebautem Maniok aus Kolumbien an Quinoa Gemüse aus den Anden neben den Guarana-Leinsamen Smoothie in den Warenkorb legt.

Beiden Gruppen gemein ist, dass sie den Bezug zur Entstehung unserer Lebensmittel offensichtlich größtenteils verloren haben. Sie sehen nur die von den Machern beleuchten Punkte und hören nur zu gerne die „das hast du dir jetzt verdient“ und „rette deine Umwelt mit unserem Produkt“ Heilsbotschaften der Handelsketten und Nahrungsmittelkonzerne.
Wie konnte es aber so weit kommen, dass sich der Großteil unserer Bevölkerung in der sogenannten Ersten, weil Konsum-Welt, vom regionalen Schlachten, Ernten und Verarbeiten von Lebensmitteln entfernt hat und nur mehr das idealisierte und völlig von der Erzeugung abgekoppelte Endprodukt in der bunt bedruckten Kunststoffverpackung sieht?
Springen wir mal kurz zu einem, auf den ersten Blick, völlig anderem Thema. Zu Kulturen, in der Menschen noch traditionell als Wild- und Feldbeuter (Jäger und Sammler) leben. Schauen wir bei den Inuits auf Grönland oder den Buschmännern (San) in Botswana vorbei, oder zu den Adivasi nach Indien, den Waorani in Ecuador, den Korowai auf Papua Neuguinea und manchen Völkern der Aborigines in Australien. Die Liste lässt sich über alle Kontinente beliebig fortsetzen. Selbst in den USA und Kanada gibt es noch hauptsächlich von der Jagd und Fischerei lebende Angehörige der "First Nation".
Für sie selbst ist Jagd nach wie vor ein selbstverständlicher und wesentlicher Bestandteil ihres Lebens und ihrer Gesellschaft. Gemein ist diesen Gesellschaften, dass Sie mehr oder weniger eng mit und in ihrer größtenteils industriell noch unberührten Umwelt leben.

Wir betrachten die Dokus über diese Völker fasziniert im Fernsehen und hegen dabei größte Sympathie für die Protagonisten. Je ursprünglicher und untechnisierter deren Jagd gezeigt wird, umso höher die Übereinstimmung mit dem romantischen Gewissen des Betrachters. Ist dann aber der Inuit, statt mit Kajak, Robbenfellanorak und Harpune mit dem Motorboot, Handy und dem Gewehr unterwegs, passt das schon nicht mehr so ganz in das verbrämte Weltbild und tendiert Richtung "arme Tiere abknallen" -das Robbenbaby schaut ja auch so süß aus. Ein ähnliches Phänomen erlebe ich übrigens immer wieder, wenn meine Jagdpassion im Kreise von Nichtjägern angesprochen wird.
Viele, die der bei uns traditionellen Jagd mit Büchse und Flinte eher skeptisch gegenüberstehen, empfinden eine gewisse Grundsympathie, wenn ich im Nachgang erkläre, wo das erlaubt ist auch mit Pfeil und Bogen zu jagen. Diese Art zu jagen erscheint dem unkundigen Zuhörer intuitiv meist "ehrlicher" und "fairer" So wie sie es halt von den Dokus im Fernsehen kennen. Für mich macht es keinen Unterschied, welches Werkzeug der Jäger für die Jagd nutzt, solange es weidmännisch ist – aber dazu etwas später noch mehr.
Hier ist schon klar zu sehen, durch die bewusst „gestylten“ Geschichten in den Medien hat der passive Zuschauer eine Vorstellung, wie Jagd zu sein hat und wie nicht. Schauen wir uns parallel dazu die Geschichte der Fleischproduktion an. Nehmen wir als Beispiel den Schlachtbetrieb.


©Johannes Mørch
Bis ins 18te und frühe 19te Jahrhundert lebte ein Großteil der Menschen in Mitteleuropa eng mit Ihren Nutztieren zusammen, teilweise unter demselben Dach. Geschlachtet und verarbeitet wurde meist für den Eigenbedarf. Die erste Änderung brachte die Industrialisierung Anfang bis Mitte des 19ten Jahrhunderts. Viele Menschen zogen in die Städte um in den Fabriken zu arbeiten. In den Städten wurde nicht mehr selbst geschlachtet, aber viele kleine Schlachthöfe waren in den Städten verteilt. Aufgrund der Verderblichkeit der Ware wurden die Wege kurzgehalten und dadurch war das Schlachten noch immer präsent. Bis in die 1870er Jahre wurde nämlich noch mit Natureis gekühlt, dann erst setzte sich die von Carl Linde erfundene Kältemaschine langsam durch.
Größere Schlachthöfe an den Stadträndern wurden gebaut, um die Lärm- und Geruchsbelästigung aus den Städten zu bekommen. Die Schlachtungen und das Zerwirken wurden industrialisiert und mehr und mehr aus dem Bewusstsein der Bevölkerung herausgelöst.

Zum Beginn des 21ten Jahrhunderts gab es eine erneute Änderung, um den schärferen Hygienevorschriften und dem weiter steigenden Fleischkonsum in Verbindung mit einer wachsenden Bevölkerung, die sich das leisten konnte, zu genügen. Es wurden neue, supereffiziente Schlachthäuser in Form von Hochsicherheitsfabriken gebaut, die für Außenstehende nur mehr schwer zugänglich sind (vgl. V. Demuth, Zeit online 2019). Mitte des 19ten Jahrhunderts betrug der Pro-Kopf Verbrauch von Fleisch in Deutschland noch 14 kg pro Kopf und Jahr, heute bei 61 kg / Kopf, wobei er in den 90er und 00er Jahren um einiges höher lag. In Österreich beträgt der aktuelle Verbrauch 62,6 kg. Laut dem statistischen Bundesamt wurden 2019 in Deutschland im Durchschnitt 151.219 Schweine täglich geschlachtet, alleine ein Drittel beim größten Schlachtunternehmen Tönnies. Da sind die anderen Schlachttierarten wie Rinder und Hühner noch gar nicht mitgezählt. Der Fleischkonsum ist in Australien mit über 110 kg / Kopf weltweit am höchsten, dicht gefolgt von den USA.
Das Sterben im Sekundentakt hinter den Mauern der Schlacht-Industriebetriebe ist der Öffentlichkeit völlig verborgen. Der einzige Hinweis, wie das verarbeitete Tier ausgesehen haben könnte, ist meist in fröhlichen Farben als glückliches Zeichentricktier oder als ausdruckslose Silhouette abgebildet.
In unserer Gesellschaft ist nicht nur das Schlachten und Verarbeiten von Tieren aus der Wahrnehmung entschwunden, auch der reale Tod von Menschen ist immer mehr tabuisiert worden. Es wird in Krankenhäusern und Seniorenheimen hinter verschlossenen Türen und abseits der nicht beruflich damit verwickelten Menschen gestorben. Auf der anderen Seite wird in Film und Videospielen im Sekundentakt besonders blutig, schmerzlos und gerne in Zeitlupe gestorben. Das ist aber kein Problem - denn man kann das Spiel beliebig oft neu starten und ist jedes Mal unversehrt wieder am Start. Der Tod hat im Spiel keinerlei Konsequenzen.

So ist erklärbar, dass sich viele Mitglieder der beiden oben beschriebenen Gruppen aus vollem Herzen für den Schutz der Elefanten in Afrika oder für den Wolf in unseren Wäldern begeistern und auch bereit sind, recht hohe Summen an die darauf spezialisierten NGO´s zu spenden. Diese werden mit einem riesigen Werbebudget richtig "wild" in Szene gesetzt und mit erbebender Stimme wird gemahnt, dass sie weltweit vom Aussterben bedroht wären. Mit ein bisschen ernstgemeinter Recherche ist es jedem möglich festzustellen, dass dem nicht so ist. Aber so lässt sich die Welt recht einfach und bequem erklären. Es ist verlockend, sein Gewissen mit ein paar Euro von allen Problemen freikaufen zu können. Im Mittelalter war übrigens der Ablasshandel sehr beliebt. Das funktionierte nach einem recht ähnlichen Muster.
Eins vorweg - Elefanten und Wölfe sind wunderbare Geschöpfe, die edel anzusehen sind, in ihren natürlichen Habitaten. Dass mit der Wiederansiedelung des Wolfes in unseren Breiten und dem Bann der Jagd auf Elefanten in Afrika weder uns, noch diesen Wildtieren ein Gefallen getan wird, ist auch einfach nachzuvollziehen. Diese Tiere brauchen ein, ihrer Population entsprechend großes, zusammenhängendes Streifgebiet mit ausreichend Nahrung, indem der Kontakt zu Menschen so gering wie möglich gehalten werden kann. Dies ist in unseren dicht besiedelten und von Straßen durchzogenen Gebieten Mitteleuropas nicht gegeben. Die Umsiedelung von Menschen zur Schaffung von Lebensraum für Wölfe bei uns auch nicht wahrscheinlich.
Beispielsweise leben im Transfrontier Parkkomplex im südlichen Afrika etwa 250.000 Elefanten, obwohl die Tragfähigkeit dieses Habitates auf eher 50.000 anzusetzen wäre. (vgl. H.+S. Siege / Die Sache mit der Auslandsjagd). Die permanenten, oft tödlichen Konflikte mit den dort lebenden Menschen sind evident, werden aber von den spendenwerbenden NGO´s nicht erwähnt.

Dieses Konzept der teilweisen Darstellung, die eine für den denkbequemen Mitmenschen in die schönsten Farben getaucht, die andere im Schatten, macht es möglich, dass so krasse Widersprüche nebeneinander bestehen können. Macht es auch möglich, dass die Mitglieder der Egal-was-Fleischfresser Gruppe die Augen vor dem Leid in der Massentierhaltung verschließen, nicht bereit sind einen angemessenen Preis für Fleischprodukte zu zahlen und somit ursächlich zur industriellen Massentierhaltung beitragen
Die Mitglieder der Trendy-Veggie-Gruppe kaufen für teures Geld Lebensmittel aus exotischen Regionen, bei denen ein Großteil des Preises für den Transport draufgeht und die künstliche Nachfrage oft in einen Raubbau, Zulasten der dort bestehenden Produktionsflächen respektive in der Generierung neuer Anbauflächen mündet. Am Beispiel der Sojabohne (für Tofu aber auch Futtermittel in der Fleischproduktion) kann man die haarsträubenden Auswirkungen gut erkennen. Deren Produktion wurde in den letzten 50 Jahren um das 10fache weltweit gesteigert. Der Großteil kommt neben den USA aus Brasilien und Argentinien. Allein von 2000 bis 2020 wurden 24 Millionen Hektar Land in Südamerika zu Ackerflächen (Quelle: WWF).
Die Schuld darf man aber nicht immer bei den Anderen suchen. Wir Jäger haben, auch aufgrund unseres spezifischen traditionellen Kontextes, ein Glaubwürdigkeitsproblem! Gerne möchten wir in der Öffentlichkeit als Heger und Pfleger gesehen werden, wenn wir was schießen dann eh nur alte, kranke oder zu erlösende Stücke. Beobachtet werden wir aber auf der Hegeschau beim Bewundern der Trophäen und beim Posten von martialischen Erlegerfotos.
Das Erlegen von Wildtieren ist ein (inhaltlich, nicht zeitlich) wesentlicher Bestandteil unserer Tätigkeit und notwendig um einerseits die Habitate lebenswert für ebendiese zu erhalten, eine "Überbevölkerung" zu verhindern und anderseits um ein gesundes und ehrliches Lebensmittel mit geringstmöglichem Tierleid zu erzeugen! Und nun kommen wir zu einem meiner Lieblingsbegriffe, die so oft strapazierte Weidmännische Handlung. Weidmännisch heißt für mich fachmännisch und ethisch, das bedeutet, die Beute, sobald ich mich zum Schuss entschließe, sicher, schnell und so schmerzlos wie möglich zu erlegen! Das hat nichts mit falsch verstandenem Rittertum der Chancengleichheit zu tun.
Dem Konsumenten muss wieder klar gemacht werden, dass Tiere getötet werden müssen, wenn sie Fleisch essen oder Lederschuhe tragen wollen und dass Hühner in Legebatterien oder Schweine in industriellen Mastanlagen gehalten werden, wenn sie deren Produkte permanent und zu einem Preis verfügbar haben wollen, der eine ethisch vertretbare Haltung und Schlachtung von Tieren gar nicht zulässt.
„Wenn die Schlachthöfe gläserne Mauern hätten, würde kein Mensch mehr Fleisch essen“ Der Beatles Musiker Paul McCartney soll diese Worte gesagt haben. Ich widerspreche ihm! „Wenn der Tod wieder Teil unseres Lebens ist und der Umgang mit Tieren im industriellen Schlachtgeschäft so wäre, wie die meisten Jäger es praktizieren – dann wären gläserne Mauern kein Problem“ -müsste der Spruch für mich heißen.
Wir Jäger müssen wieder klar "Flagge" zeigen und zu unserem Tun stehen. Offen auf interessierte, wenn auch kritische Menschen zugehen und Ihnen die Zusammenhänge offenlegen. Unser selbst erlegtes und verarbeitetes Wild oft und gerne auch essen, mit der Familie und Freunden das von uns „geerntete“ teilen. Von den Jägern, die kein Wildbret essen, gibt es glücklicherweise eh nicht mehr so viele.

In den letzten Jahren wurde der Zulauf zu den Jagdprüfungen und Jagdkursen aus den Reihen der Menschen ohne jagdlichen Hintergrund immer größer. Für Sie ist es oft schwierig dann auch in die Jagd einzusteigen. Leider viel zu oft noch sind die Jäger in kleinen, eingeschworenen Gemeinschaften, die Scheu haben ihre Türen der nichtjagenden Bevölkerung oder den Neuen in der Zunft zu öffnen. Die Gründe dafür wurden im Artikel über die „Alten Hasen“ und die Jungjäger recht trefflich beschrieben (Jagablattl Ausgabe 6 / Oktober 2020).
Ich bin überzeugt davon, dass durch das „Aufkommen lassen“ der Jungjäger und der offene, und vor allem ehrliche Dialog mit der nichtjagenden Bevölkerung dazu beiträgt, die Akzeptanz der Jäger und der Jagd zu heben.
Apropos Flagge zeigen. Ich stehe dazu, meiner Jagdpassion zu frönen! Natürlich freue ich mich über das Wildbret, dass ich so gut wie immer auch selbst versorge, zerwirke und danach auch verarbeite und mit den Meinen gemeinsam esse. Ebenso die herrliche Natur, in der ich meine Passion ausübe und die mir so viel, auch ohne zu jagen, gibt. Aber ebenso liebe ich es mit allen Sinnen, meinem Wissen und meiner Intelligenz sowie durch körperliche Übung und Entbehrung meine Beute zu überlisten. Und das gehört auch zur Jagd wie das Fleisch verzehren nicht aus der Geschichte der Menschheit wegzudenken ist.
