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Verräter im Revier Teil 2 - Bewegung, Kontur und Farbe

Verräter im Revier Teil 2 - Bewegung, Kontur und Farbe
©Christian Heinz
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Text: Christian Heinz

Unser heimisches Schalenwild ist als Fluchttier mit einem sensationellen Gesichtssinn ausgestattet und kann einen sich annähernden Fressfeind bereits auf viele hunderte Meter ausmachen. Warum funktioniert es aber dann doch auf wenige Meter heranzukommen und Beute zu machen ohne erkannt zu werden? In diesem Artikel gehe ich auf die Sehstrategie unseres heimischen Schalenwilds ein und zeige ein paar Möglichkeiten um diese „hinters Licht“ zu führen.

Gefragt, welches die wichtigste Komponente bei der visuellen Tarnung ist, antworten meiner Erfahrung nach die meisten Menschen mit der Farbe der Kleidung. Grün und Braun sind hier die Favoriten. Die Werbung der Hersteller von Jagdbekleidung und Ausrüstung bestärkt uns natürlich täglich in diesem Glauben. In unserer humanen Sehwelt ist das auch stimmig, Schalenwild hat aber in seiner Evolution andere Sehstrategien als wir Menschen entwickelt und muss deshalb „tarntechnisch“ anders behandelt werden.

©Christian Heinz | Schalenwild hat andere Sehstrategien als der Mensch

Um die Unterschiede zwischen der menschlichen Wahrnehmung und dem Äugen von Schalenwild zu verstehen ist es hilfreich in den Aufbau des Auges zu gehen. Das wird nun etwas trocken, ich versuche mich kurz zu fassen aber da müssen wir jetzt durch!

Vereinfacht gesagt befinden sich in der Netzhaut verschiedene Fotorezeptoren die eine begrenzte Anzahl verschiedener Lichtwellen erkennen können.

Für das photopische Sehen (vom altgriechischen phos = Licht) sind die sogenannten Zäpfchen verantwortlich, damit werden vor allem Farben wahrgenommen.

Beim skotopischen Sehen (vom altgriechischen skopos = Nacht) werden hingegen die Stäbchen animiert, welche für das „Schattensehen“ – womit feine Unterschiede in der Helligkeit gemeint sind- verantwortlich zeichnen. Die Stäbchen sind um ein zig-tausendfaches sensibler als die Zäpfchen.

Der Vollständigkeit halber sei noch das mesopische Sehen (vom altgriechischen meso = mittig) in der Dämmerung erwähnt, bei dem manche Farben intensiver erscheinen und andere verschwinden.

Quelle: Wikipedia

Wild und Mensch nutzen prinzipiell dieselben Fotorezeptoren, jedoch mit unterschiedlichen Prioritäten.

Bei dem von uns bejagten Schalenwild ist das sichtbare Farbsehspektrum zum menschlichen hin kleiner. Die meisten Wirbeltiere haben nur zwei unterschiedliche Zäpfchentypen (Dichromaten) während Menschen über drei (Trichromaten) zum Farbsehen verfügen. Deswegen kann Schalenwild einige von uns wahrgenommene Farben wie Rot oder Orange nicht mehr erkennen. Durch unterschiedlich entwickelte Filter können Lichtwellen im ultravioletten und im infraroten Bereich von Schalenwild, im Gegensatz zum Menschen, erkannt werden. Zu guter Letzt sind die Stäbchen bei nachtaktiven Säugetieren zu einer Art Sammellinse zusammengeschalten und diese Tiere besitzen im Auge eine reflektierende Schicht (Tapetum lucidum) unter der Netzhaut, die das Lichtwahrnehmungsvermögen um ein Vielfaches erhöht. Das Tapetum lucidum hat aber auch einen Preis, Details werden nicht so scharf abgegrenzt wahrgenommen. Welche Konsequenz, dass für den Jäger hat, möchte ich weiter hinten noch aufgreifen.

©Christian Heinz | Schalenwild hat oft balkenförmige Pupillen, damit können Bewegungen am Rande des Sehfeldes besser wahrgenommen werden

Ein wesentlicher Unterschied zum Homo Sapiens ist die Verteilung von Zäpfchen und Stäbchen im tierischen Auge. Bei Schalenwild überwiegen die Stäbchen und diese sind eher in den Rändern der Pupille konzentriert. Damit werden feinste Veränderungen des Lichts bemerkt (Bewegung, Schatten) und dies speziell, wenn selbige in der Peripherie vorkommt, also beim Eintritt eines potentiellen Fressfeindes in das Sehfeld. Daraus resultiert auch die balkenförmige Pupillenform bei vielen Schalenwildarten. Wir Menschen haben die Augen vorne im Gesicht um ein breites, räumliches Gesichtsfeld abzudecken. Dies ist den meisten landlebenden Prädatoren gemein und dient zum Entfernung schätzen und Fokussieren beim Beutegreifen. Als Fluchttier hat unser Schalenwild die Lichter seitlich am Haupt, was zwar nur einen sehr kleinen 3D Bereich (binokulares Sehen) nach vorne aber dafür einen viel weiteren Sehbereich in 2D zur Seite und nach Hinten zulässt. Damit haben Schalenwildvertreter wie Rotwild, Rehwild und Muffelwild um die 310 Grad „Rundumsicht“ während es bei uns Menschen nur zu etwa 200 Grad reicht. Die querovale Form der Pupille unterstützt diese Panoramasicht und durch die relativ große Netzhautoberfläche wird die Projektion vergrößert. Genug der Grundlagen!

©Christian Heinz | Suchbild mit Jäger. Die starken Kontraste der Tarnkleidung verwischen die Konturen des freistehenden Jägers effektiv

Nun wird aber klar, dass Schalenwild eine ganz andere Sehstrategie anwendet. Nochmals kurz zusammengefasst: Es konzentriert sich auf eher weite Entfernungen und dabei auf die Detektion von Bewegungen beim Eintritt ins Gesichtsfeld, danach auf Konturen und Muster. Durch die geringe Überschneidung des Sehfeldes können in das Umfeld eingefügte Formen (3D Sehen) nicht so gut angesprochen werden. Farben spielen dabei eine untergeordnete Rolle. Allerdings schenken Pflanzenfresser offensichtlich der Farbe Grün besondere Aufmerksamkeit, da das ja die Farbe der Äsung ist und die Zäpfchen im Auge des Schalenwildes in diesem Wellenbereich (M-Zäpfchen 550 Nanometer) den größten Reiz erfährt.

©Christian Heinz | Der Muffel ist ein Großmeister des Sehens des heimischen Schalenwilds

Zum Abschluss noch schnell ein paar Highlights. Der Muffel hat wahrscheinlich von unserem heimischen Schalenwild die beste Sehleistung. Versuche haben gezeigt, dass er auf 50 Meter Bewegungen in der Dimension eines Wimpernschlages und auf 1000 Meter die Bewegung eines menschlichen Armes erkennen kann.

Jetzt kann eine Reihung vorgenommen werden, was das verräterische Potential für den tierischen Sehsinn betrifft. Klar an erster Stelle steht die Bewegung, danach die menschentypische Kontur und zu guter Letzt die Farbe!

Die Frage ist nun berechtigt, für was diese Information nützt da oft auf weite Distanzen, gedeckt in der Dunkelheit der Kanzel, ein Schuss angebracht wird. Auch auf dem Hochstand gibt es so manches zu beachten und beim Pirschen sowieso! Beginnen wir mit der Kanzel.

Der Pirschweg zur Kanzel sollte nach Möglichkeit gegen Ferneinblick gedeckt sein, kurz vor der Aufstiegsleiter ist eine Deckung, aus der man das Umfeld abglasen kann, zu empfehlen. Auf der Kanzel selbst ist Rundumblick zwar schön für den Jäger, im Gegenlicht jedoch kann jede Bewegung sowie der Schattenriss des Insassen gegen den Himmel selbst von Menschen einfach detektiert werden. Sowohl auf der Kanzel wie auch am Boden ist eine unbedeckte Hand, welche eine ausladende Bewegung ausführt, im Vergleich zum dunklen Umfeld von sehr weit zu erkennen. Versucht es selbst mit einem Weidkammeraden aus Sicht des Wildes und ich bin sicher, es wird einige Aha-Erlebnisse geben.

@Christian Heinz | im Gegenlicht ist die Kontur des Jägers am Hochsitz weithin sichtbar

Auf dem Pirschweg ist natürlich umso mehr auf die Vermeidung verräterischer Bewegungen zu achten. Dazu zählt auch beim bergab oder bergauf gehen sich nicht an dünnen Bäumchen festzuhalten, die Bewegung wird in die Wipfel übertragen und kündet auf hunderte Meter von der Anwesenheit eines Jägers. Pirschen ist mehr stehen als gehen. Der Pirschsteig kann auch vorbereitet und strategisch angelegt werden. So ist es besser in der zweiten Reihe eines Waldes zu pirschen und nur punktuell zum Waldrand vorzutreten um abzuglasen. Dasselbe gilt bei Graten und Höhenrücken. Besser im Blickschatten vorankommen und dann gezielt und konzentriert, langsam heraustreten und sich immer der eigenen Silhouette im Kontext des Hintergrundes bewusst sein.

©Christian Heinz | Der Hase hat die größte Rundumsicht beim heimischen Wild. Dieses beträgt beinahe 360 Grad

Generell ist Vermeidung besser als Tarnung und so sollte sich der Jäger fragen, wie er möglichst nicht in das Blickfeld seiner potentiellen Beute kommt. Einerseits helfen hoch angebrachte Ansitzeinrichtungen, da gibt es auch mobile Klettersitze, sogenannte Treestands. Wird vom Boden aus gejagt helfen neben natürlicher Deckung Schirme oder Zelte. Eine echte Bereicherung ist das sogenannte Ghost Blind, ein nach außen verspiegelter Paravan, der den Untergrund vor dem Jäger reflektiert.

©Christian Heinz | Der Ghost Blind spiegelt den Untergrund vor dem Paravan und eignet sich daher bestens als mobile Tarneinrichtung am Boden

Ist das zu bejagende Wild erkannt und eine Annäherung muss erfolgen obwohl keine Deckung vorhanden ist haben meine Erfahrungen gezeigt, dass seitliche Bewegungen viel schneller erkannt werden als Bewegungen in Linie zum Stück, die in Zeitlupentempo ausgeführt werden. Hier kommt auch die menschliche Kontur ins Spiel. Hat Wild erstmals eine Bewegung erkannt (außerhalb der Sofortfluchtdistanz) möchte es aufgrund der Kontur bestimmen wem diese zuzuordnen ist, bevor es in eine energieverbrennende Flucht verfällt. Bleibt der Jäger lange genug bewegungslos und wird aufgrund seiner Form und bei gutem Wind nicht als bedrohliches Individuum identifiziert, gibt sich Wild meist damit zufrieden und äst nach geraumer Zeit und zwischenzeitlicher Nachkontrolle (Scheinäsen) weiter.

©Christian Heinz | Rehbock beim Scheinäsen

Im heimischen Tierreich gibt es kein Wesen, dass im Schattenriss und im Gang dem Menschen ähnelt. Besonders markant ist der aufrechte Gang auf zwei Beinen, der runde Kopf auf dem kurzen aber schlanken Hals und die abstehenden, oft schwingende Arme. Eine erfolgversprechende Annäherung an Schalenwild gelingt meist gebückt mit eingezogenen Kopf, Arme angelegt und die Beine eng zusammen in kleinen Schritten sehr LANGSAM voran, genau in Richtung Stück. Sobald es sichert bewegungslos verharren, in unmittelbarer Nähe direkten Blickkontakt vermeiden. Ihr erinnert euch sicher, nur Prädatoren haben zwei nebeneinanderliegende Augen. Das in Anschlag bringen der Waffe muss ohne seitliche Querbewegungen geübt werden!

©Christian Heinz | Die menschliche Kontur ist unverwechselbar, kann aber getarnt bzw. verwischt werden

Am Pirschweg im Revier können bewusst dichte Büsche gesetzt und dieser in Schlangenform angelegt werden um nicht schon auf weite Distanz entdeckt zu werden.

Viele Jäger haben ihren Jagdhund mit bei der Pirsch. Dieser muss lernen völlig ruhig abgelegt am Platz zu bleiben, während sich der Jäger seiner Beute nähert.

Kommen wir nun zu einem recht kontroversiell geführten Thema, der Tarnkleidung. Überspitzt ausgedrückt stehen sich hier die „Lodenrockfraktion“ und die voll getarnten „Rambos“ gegenüber. Wie war das früher in unseren Breiten, als die Feuerwaffen noch nicht so weittragend waren? Vom Erzherzog Johann ist im Jagdmuseum Stainz die Gamshaube, eine Kopfbedeckung aus einer Gamsdecke und zwei aufgesetzten Krucken, ausgestellt und in seinen Aufzeichnungen von einem Gamsmantel die Rede. Das hat er bei der Jagd getragen aber sicher nicht beim Schüsseltrieb! Die eigentlich dem militärischen Bereich zugeschriebenen Guillie Suits wurden von schottischen Jagdaufsehern entwickelt um nahe an Wild und unerkannt an Wilderer zu kommen. So ähnlich halte auch ich das. Die richtige Kleidung zum gegebenen Anlass.

©Christian Heinz | Eine kontrastreiche Tarnung, Handschuhe und eine Gesichtsmaske sind Voraussetzung, wenn man sich bis auf wenige Meter an das Wild heranpirschen will

Wie bereits oben erwähnt ist die Kontur, vor allem wenn es Beleuchtungsunterschiede zum Hintergrund gibt, verräterisch. Somit ist die erste und dringendste Aufgabe einer Tarnung diese Kontur zu verwischen. Jagdkleidung in einheitlicher Farbe ist dazu denkbar schlecht geeignet. Die Erlösung versprechen Tarnmuster mit real wirkenden Elementen aus der Natur und im Jagdgeschäft schaut das auch spektakulär aus. Auf Entfernung und unter wechselnden Lichtverhältnissen wird dieses aber schnell zu einem einheitlichen, dunklen Block und somit wieder zur menschlichen Kontur. Meiner Erfahrung nach entfalten Tarnmuster mit großflächigen, kontrastreichen Mustern auf Entfernungen ihr volles Können- und genau da muss Tarnung wirken! Es ist auch schon ein grob kariertes Hemd, kombiniert mit einer Jagd Hose mit andersfärbigen Einsätzen, eine sinnvolle Maßnahme um die Kontur zu verwischen.

©Christian Heinz | verschiedene Tarnmuster

Moderne Tarnkleidung für die Jagd hat im Vergleich meist wenig Grünanteil, es überwiegen Braun / Creme / Grau. Ebenso kommt Rot und Orange vor. Wie im ersten Teil des Artikels festgestellt, kann Schalenwild diese Farben nicht erkennen. Grün hingegen kann sehr gut differenziert werden. Dasselbe gilt für Blau und Gelb. Nebenbei sind Licht reflektierende Gegenstände wie Uhren oder Schmuck verräterisch, aber das kennt man ja aus diversen Westernfilmen.

Hier möchte ich nochmals auf das Thema Lichtempfindlichkeit, Ultraviolett (UV) und Infrarot (IR) Licht zurückkommen. Schalenwild unserer Breiten hat durch die hohe Anzahl an Stäbchen, das Tapetum lucidum und die größere Oberfläche der Lichter (Lichtstärke) ein sehr gut ausgeprägtes Dämmerungs- und Nachtsehen. Es kann offensichtlich auch UV Licht ab 350 Nanometer sowie IR bis über 700 Nanometer visuell wahrnehmen – speziell Rotwild ist hier sehr gut. Was heißt das für den Jäger?

Jagdkleidung keinesfalls mit Waschmittel mit Aufhellern zu waschen! Diese Aufheller wirken im UV Bereich, das gibt dem Werbeslogan „Strahlend reine Wäsche!“ eine ganz neue Bedeutung. Im benachbarten Ausland, wo Wild mit künstlichen Lichtquellen bejagt wird, hat dieses gelernt sofort auf jegliche Form des angestrahlt Werdens, egal ob mit sichtbaren, rotgefiltertem oder grüngefilterten Licht, mit einer sofortigen Flucht zu reagieren.

©Christian Heinz | Rehwild hat von Haus aus schon einen sehr gute Sehsinn - dieser junge Bock hat noch ein Rotkehlchen als Verstärkung auf seinem Rücken

Zum Schluss nochmals kurz zusammengefasst: Pirschwege planen und Ansitzeinrichtungen aus Sicht des Wildes beurteilen wie diese mit dem Hintergrund verschmelzen. Schnelle und seitliche Bewegungen im Anblick vermeiden. Verwischen der menschlichen Konturen. Bedecken der Hände mit Handschuhen, eventuell Verwendung einer Gesichtsmaske oder Schals in unmittelbarer Nähe.

Auch hier gilt was schon bei der Geruchstarnung geschrieben wurde. Die Maßnahmen müssen einfach und schnell auszuführen sein da sie sonst, nach anfänglicher Euphorie, nicht mehr angewendet werden.

©Martin Schmidt | Die ungetarnte Hand ist, besonders in Bewegung, ein weithin sichtbares Signal für das Wild
©Martin Schmidt | Die selbe Aufnahme wie zuvor, nur mit Tarnhandschuh. Der Unterschied ist frapierend

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