Text: Christian Heinz
Im vierten und letzten Teil dieser Artikelserie versuche ich mich an ein heiß diskutiertes, weil mit so viel Unbekanntem und damit Interpretationsspielräumen behafteten, Thema anzunähern. Wie können Wildtiere aus den Bejagungsfehlern der Jäger lernen und daraus Vermeidungsstrategien entwickeln? Hat Wild einen sechsten oder gar siebten Sinn (wie das Dr. Rupert Sheldrake behauptet)? Dazu gibt es viele wissenschaftliche Untersuchungen, gut dokumentierte Beobachtungen von Wildtieren, aber auch durch Scharlatane unreflektiert aufgestellte Behauptungen. Ich versuche hier als Basis einen kurzen Überblick zu schaffen und dann wieder Anwendungsbeispiele aus der Praxis aufzuzeigen.
Im Tierreich ist eine Spezies besonders gut erforscht, unser treuer Begleiter der Hund! Ich wage daraus zu schließen, dass unser Schalenwild nach ähnlichen Mustern lernt und beginne daher mit ein paar Erkenntnissen von Dr. Tillmann Klinkenberg. In seinem Buch „Hundeerziehung ohne Zwang“ kommt er zu dem Schluss, dass Hunde durch Verknüpfung, das bedeutet das gleichzeitige Erleben eines Auslösers und einer Emotion, lernen. Als Beispiel hat sich dazu unfreiwillig mein treuer Hund Luk zur Verfügung gestellt. Ich habe einen Elektrozaun aufgestellt, um unsere Schafe davon abzuhalten ihrer Wege zu gehen. Als er sich sehr fokussiert an die Schafe heranmachen wollte traf ihn der Stromschlag, seitdem fürchtet er die Schafe, auch ohne Stromzaun! Aber eben nur unsere Schafe, alles andere liebt er zu hetzen und zu verbellen.

Weiter behauptet Dr. Klinkenberg, dass Hunde nur in der Gegenwart „leben“, nicht in die Zukunft denken und somit auch nicht planen können. Sehr wohl aber ein gutes Gedächtnis haben, aus dem sie in verschiedenen Situationen Erinnerungen abrufen. Es gibt sowohl instinktiv angeborene Schlüsselreize (z.B. Flucht von Rudelgenossen löst Flucht aus) und auch aus Erfahrung gewonnene Auslöser (Elektrozaun) für ein Vermeidungsverhalten. Zuletzt schreibt Dr. Klinkenberg noch, dass ältere Tiere viel mehr aus Ihrem Erfahrungsspeicher geleitet werden als aus den ererbten Verhaltensmustern. Dies untermauert auch die wissenschaftliche Untersuchung kanadischer Forscher um Marc Boyce. Die markige Behauptung des Wissenschaftlers, dass Wapiti Kahltiere ab dem 10ten Lebensjahr bulletproof sind, bezieht sich darauf, dass meist männliche Trophäenträger bejagt werden und dieser Umstand den weiblichen Stücken die Gelegenheit gibt, aus den tödlichen Fehlern der Bullen zu lernen und daraus Vermeidungsstrategien zu entwickeln.

Der Wissenschaftler Dr. Flurin Filli, Leiter Betrieb und Monitoring im Schweizerischen Nationalpark Graubünden, der über viele Jahre Rotwild erforscht hat, zeigt auf, dass nicht nur passiv, sondern auch aktiv voneinander gelernt wird. Bei der Erkundung neuer Einstände und Äsungsgründe gehen Informationen von Alttieren an die Jungen, aber auch junge Stücke erkunden und zeigen die neuen Gründe den Alten – sie kommunizieren miteinander darüber!

Dass Wildtiere unterscheiden können, ob Menschen sie potentiell bedrohen oder nicht, ist ebenfalls vielfach belegt. Sei es das vertraute Hirschrudel im Winterwildgatter, dass während der Jagdsaison vom Erdboden verschluckt scheint, die Krähen, die beim Überflug keine Scheu vor Menschen haben, sobald aber einer den Arm (gleichzusetzen mit einer Flinte) in ihre Richtung erhebt, sofort abdrehen oder die Jagdmethode des Lockjagdexperten Klaus Weißkirchen, der sich akustisch als Wanderer getarnt mitten ins Revier „schummelt“ um dort dann zum Jäger zu mutieren. Genauso ändern Wildschweine ihr Verhalten gegenüber Menschen, wenn sie sich in urbanen Räumen aufhalten. Mehr dazu könnt Ihr in meinem Buch Praxis der urbanen Bogenjagd nachlesen.

Wildtiere passen sich definitiv in relativ kurzer Zeit geänderten Lebensumständen an, wie das anhand der “Stadtsauen” in Madrid, an der Costa del Sol, in Berlin und Eisenstadt oder bei Spatzen, die frech ihren Anteil des Burgers bei Mc Donalds fordern, zu sehen ist. In seiner hässlichsten Ausprägung sieht man die Anpassung, wenn Rehwild, selbst auf weite Entfernungen sofort flüchtet, sobald ein Auto stehen bleibt. Dort wird wahrscheinlich vom Auto aus geschossen.
Wie es richtig geht, zeigen viele ferme Jäger. Da ich nicht alle mir bekannten nennen kann, möchte ich exemplarisch nur einen herausheben. Thomas Tscherne, auch als der Hirschflüsterer bekannt, betreibt im Salzburger Angertal Rotwildfütterungen, an denen die wild lebenden Könige der Wälder fast handzahm die Nähe der Menschen nicht scheuen und in Thomas selbst keinerlei Bedrohung erkennen. Dass die Hirsche dort auf Tuchfühlung mit ihm gehen war jahrelange Geduldsarbeit. Er hat immer die gleiche Routine an der Fütterung eingehalten und ist so „berechenbar“ für „seine“ Hirsche geworden. Thomas jagt immer weit abseits der Fütterungen und beachtet dabei die Gebote des „nicht erkannt Werdens“. Er konnte so seinen Abschuss problemlos mit einer großflächigen Revierplanung bis ins Jahr 2015 erfüllen. Seit 2016 schafft er das nicht mehr. Was ist passiert?
Das Revier des streitbaren Jägers und Försters wurde aufgeteilt (er bekam einen erheblichen Teil nicht mehr zur Pacht). Daher muss er nun auf stark touristisch und landwirtschaftlich genutzten Flächen jagen. Interessant ist aber auch, dass auf den Flächen, auf denen Thomas bis 2015 so erfolgreich jagte, jetzt der Abschuss auch nicht mehr erfüllt werden kann und sogar teilweise 40% unter dem Soll liegt. Wie ist das erklärbar, wo doch der Wildbestand sich in dieser Zeit nicht wesentlich geändert hat?
Laut Schilderung eines mir bekannten Berufsjägers in einem Salzburger Alpinrevier, Martin Brauneder, zieht sich das von ihm besenderte Rotwild in “verdorbenen” Gebieten nach dem ersten Schuss einheitlich sofort in unzugängige Teile des Reviers zurück. Das Rotwild hat also einen “Gefahrenzonen Plan”. Brauneder beschreibt das wie bei einer menschlichen Familie, die ohne “Marschordnung” und entspannt in der Fußgängerzone bummelt. Sobald sie aber in die Nähe der Hauptverkehrsader kommen, sinnbildlich für wo oft Jäger auf Beute lauern, ändert sich das sofort.

Ich jage seit vielen Jahren mit Pfeil und Bogen in Ungarn auf Schwarzwild und dazu sitze ich notgedrungen immer an denselben, mir zugewiesenen Kirrungen. Auch bei extremer Futternot kommt Schwarzwild dort nur in der Nacht und sehr vorsichtig. An einem schönen Tag zu Mittag im August hatte ich mich mitten im Wald an einer kleinen Lichtung mit einem tragbaren Ghost Blind (verspiegelter Bodenansitzschirm der den Untergrund vor ihm spiegelt) platziert, fernab der Kirrungen, um einen Bock heranzublatten. Mir gingen fast die Augen über als eine Rotte Schwarzwild im lockeren Pulk, entspannt im grellen Sonnenschein auf mich zuzog. Ich war außerhalb ihres Gefahrenzonenplans!
Dass Wildtiere auch andere Sinne nutzen ist bekannt. Das Grubenorgan der Schlangen nimmt Infrarotstrahlung wahr und Fische können mit dem Seitenlinienorgan unter anderem Abstand messen. Wie ist das nun mit dem sprichwörtlichen sechsten Sinn beim Menschen? Jeder kennt das Gefühl, wenn man aus nächster Nähe direkt angestarrt wird? Die meisten merken das irgendwie. Es gibt dafür möglicherweise eine wissenschaftliche Erklärung. Jedes Lebewesen erzeugt, je nach Erregungsgrad, verschieden starke, elektromagnetische Strahlungen (Sichtbar beim Elektrokardiogram des Herzens oder bei Hirnaktivität und Nervenreizen im Elektrozephalographen). Laut verschiedener Studien, so zum Beispiel von Prof. Hässig von der Uni Zürich, beeinflussen elektromagnetische Strahlen (in diesem Fall von Handymasten) Kühe nachweislich. Das sich Fische, Vögel und auch Schildkröten an magnetischen Linien des Erdfeldes orientieren, die für sie “sichtbar” sind, ist allgemein bekannt.
Zitteraale und Zitterwelse erzeugen schwache elektrische Felder und nehmen mit spezialisierten Elektrorezeptoren wahr, wie diese Felder durch andere Lebewesen in ihrer Nähe verzerrt werden. Zusätzlich registrieren sie die körpereigenen elektrischen Signale von Muskeln und Nerven anderer Tiere, auch wenn diese sich kaum bewegen. Dadurch können sie Beute und Hindernisse selbst in trübem, schlammigem Wasser präzise orten.

Sogar Menschen, so wurde erstmals 2019 von Joseph Kirschvink im Fachblatt eNeuro publiziert, können Elektromagnetismus eindeutig wahrnehmen. Allerdings nur unbewusst, im EEG wurde bei aktivierter Elektrospule die vorher gemessene Amplitude der Probanden deutlich kleiner, ohne dass die Probanden diese Reaktion Ihres Körpers bewusst benennen hätten können.
Möglicherweise können Wildtiere auf kurze Distanzen (wir sprechen hier von wenigen Metern) die elektromagnetischen Strahlungen des erregten Jägers wahrnehmen? Es gibt Hersteller spezieller Schutzkleidung für Jäger, die sich in den USA einer gewissen Beliebtheit erfreut. Allerdings - bewiesen ist die Wirkung, der mit einem Metallgeflecht verwirkten Textilien, die so die Eigenstrahlung des Jägers abschirmen soll, meines Wissens nach nicht.

Beim siebten Sinn bewegen wir uns meiner Meinung nach schon sehr weit ins Reich der Spekulation. Ein Verfechter dieses siebten Sinnes der Tiere ist Dr. Rupert Sheldrake, der in seinem gleichnamigen Buch „Die morphogenetischen Felder“ (Altgriechisch - morphé = Form und genesis = Entstehen, Erzeugen) für das voneinander Lernen von Tieren ohne direkten Kontakt verantwortlich macht. Hier höre ich schon wieder auf und komme aus den Tiefen der Wissenschaft, Beobachtung und Spekulation herauf um zusammenzufassen:
Unsere Beutetiere sind mit genetisch vorprogrammierten Flucht- oder Vermeidungsauslösern sozusagen “grundausgestattet” und lernen zeitlebens von Artgenossen und von uns Jägern dazu. Ebenso können unsere Beutetiere unterscheiden, ob ihnen von erkannten Menschen Gefahr droht oder nicht. Besonders standorttreues Wild hat einen Gefahrenzonenplan und kann sich sehr gut an eine Änderung anpassen. Möglicherweise kann Schalenwild die unmittelbare Nähe von Prädatoren spüren und vielleicht lernen Wildtiere voneinander ohne direkten Kontakt.
Die meiner Meinung nach wichtigste Erkenntnis daraus ist dort, wo wir den meisten Einfluss haben auch ganz bewusst einzugreifen.
Unsere Beute nicht von unseren Fehlern lernen zu lassen!

Jäger Grundschule erste Klasse beinhaltet auch nach dem Schuss unerkannt zu bleiben um anderen Individuen des Rudels die Verknüpfung des Schusses mit dem Menschen nicht zu erlauben! Löwen in Afrika zeigen uns ebenfalls, wie es geht. Sind sie nicht auf der Jagd oder besteht keine Chance sich an Beute unerkannt heranzuschleichen, schlendern sie scheinbar uninteressiert ganz offen durch die Savanne, so wie der Wanderer Klaus Weißkirchen. Damit sich unsere Beute keinen klaren Gefahrenzonenplan zulegen kann ist es notwendig die eigenen Routinen immer wieder zu durchbrechen, zu unterschiedlicher Stunde und an wechselnden Orten zu jagen. Dabei sollten aber Rückzugsgebiete für das Wild beachtet werden.
Bei einer meiner Jagden in Spanien hatte ich ein recht einprägsames Erlebnis zu diesem Thema. Mit meinem Jagdbogen saß ich im Jänner an mehreren Abenden auf demselben Baum. Die Schwarzkittel konnte ich jedes Mal “spüren”, ausgetreten sind sie aber nie. Gegen 21:00 Uhr holte mich der Wagen ab und am nächsten Morgen war die Kirrung bis auf das letzte Korn abgeräumt. So entschied ich mich für einen Trick.
Am kommenden Abend kam der Berufsjäger, so wie jeden Abend um 21:00 Uhr, hielt unter meinem Ansitzbaum, stieg aus und redete mit sich selbst, stieg ein und fuhr weiter. Ich sah noch die roten Rücklichter des Wagens als die Rotte im zügigen Trott aus der Dickung direkt auf die Kirrung unter mir zusteuerte!
Versucht einmal euch nur 50 Meter neben euren Lieblingshochsitz in die Büsche zu setzen und mit etwas Glück könnt ihr sehen, wie Wild vor dem Austreten zur Ansitzeinrichtung sichert. Nehmt euch genug Zeit um zum Hochsitz zu pirschen, stellt den Wagen etwas weiter weg und rechnet eine Stunde für die Annäherung ein. Ich verwende auch bei Tag ein Wärmebildgerät zur Beobachtung und bin regelmäßig erstaunt wieviel Wild rund um mich ist und mein Vorgehen aus dem Schatten des Waldes beobachtet.
Ein eindrückliches Beispiel beschreibt Klaus Weißkirchen in seinem Buch “Die hohe Kunst des Täuschens”. In der ehemaligen DDR wurde meist mit Flintenlaufgeschoßen auf Rotwild gejagt, effektive Reichweite etwa 50 Meter, die Sofortfluchtdistanz lag bei 80 Metern. Nach dem Mauerfall kamen viele Westdeutsche mit Büchsen und die Sofortfluchtdistanz des Rotwildes vergrößerte sich in wenigen Jahren auf 300 bis 400 Meter.

Selten habe ich so einen passenden Begriff gehört – aber nicht ganz im Sinne unserer Anwendung. Besonders Beutetiere sind exzellente Beobachter ihrer Umwelt. Sie erkennen selbst kleinste Veränderungen die vom gewohnten Status abweichen. So schreibt Dr. Beatrix Sternath (geborene Neumayer) in ihrer Serie „Überleben“ in der Jagdzeitschrift Weidwerk, dass Wildtiere sogar in der Lage sind, einen aus der Kanzel ragenden Gewehrlauf, der sonst nicht dort zu sehen ist, als Gefahr einzustufen.
Im Gegenzug sollte der Jäger in seinem Revier nicht nur die Äsungs- und Brunftplätze kennen, sondern auch die Schlaf- und Rückzugsplätze sowie die Wechsel. Bei Reviergängen kann auch eine Windlandkarte erstellt werden, wie im ersten Teil dieser Artikelserie beschrieben. Diese hilft dann beim Pirschen oder der Annäherung an die Hochstände nicht schon frühzeitig vom Wild mit dem Windfang entlarvt zu werden. Besonders interessant ist es auch mit Experten, die über Jahre hinweg besendertes Wild monitoren, zu sprechen und sich die Bewegungsdiagramme des Wildes anzusehen. Das kann eine Idee über das Verhaltensmuster des Wildes im eigenen Revier bringen. Um die verschiedenen “Zimmer” im “Haus” des standorttreuen Wildes zu erkennen, ohne sie dabei zu “verpirschen”, helfen moderne Geräte wie Drohnen, Wildkameras und Wärmebildgeräte in Verbindung mit einer Revierkarte oder einem Luftbild aus Google Maps – und natürlich die Bereitschaft sehr viel mehr Zeit in die Erkundung als in die eigentliche Jagd zu stecken. Das ist aber auch erfüllend, da der Jäger dadurch viel mehr über die bejagten Wildarten lernt als nur beim Trophäenabschuss und anschließenden Todtrinken.

Ebenso kann der Jäger sein Revier aktiv gestalten, weit über die Platzierung von Hochständen und Fütterungen hinaus. Schnellwachsende Hecken oder stehengelassene Maiszeilen, die Pirschwege vor Einsicht schützen. Wildäcker und alternative Ansitzeinrichtungen bieten ein breites Feld der Betätigung. In den Vereinigten Staaten wird übrigens gerne mit Zwangswechseln (Funeling) und mit Lockatrappen (Decoy) auf den White Tail, deren Pendant zu unserem Rehwild, gejagt.
Mit diesem Artikel schließe ich nun das Kapitel über die vier Verräter im Revier, dass ich sicherlich nur oberflächlich ankratzen konnte. Gerne stehe ich für einen weiteren Austausch unter christian@derheinz.eu
