Sssssssssssst – dieses leise aber penetrante Geräusch hatte ich mit einem lachenden und einem weinenden Auge herbeigesehnt. Stechmücken im Anflug! Hoffentlich ganz viele und sie sollen am besten überall auf mir landen und versuchen mich zu stechen.
Bevor jetzt jemand die Nummer der nächstgelegenen psychiatrischen Einrichtung wählt: Nein, das ist weder ein masochistischer Fetisch noch eine religiös motivierte Selbstkasteiung. Und ich gehöre auch nicht zu jener Fraktion von Tierfreunden, die meinen, dass die armen Mückenmütter schließlich auch ein bisschen Menschenblut nach Hause bringen müssen, damit die Mückenlarven groß und stark werden können oder ich, wäre ich gläubig, in so einem Gottesgeschöpf weiterleben kann.
Schuld an meinem heroischen Selbstversuch ist Manuel Schramm! Er ist der Gründer von Pirscher Gear.[1] Der gute Mann ist ein Tüftler, hat mehrere Kollektionen von Jagdbekleidung selbst entwickelt und Manuel ist seit Jahren ein guter Freund von mir. Wir haben unzählige Stunden über Taschenanordnungen, Tarnmuster, Reißverschlüsse, Verschlusssysteme und sonstige Details diskutiert, die für normale Menschen ungefähr so spannend wirken wie die Bedienungsanleitung eines Kühlschranks.
Vielleicht hat er deshalb ausgerechnet mich als Versuchskaninchen ausgewählt. Dass dabei meine atemberaubende Erscheinung als Wäschmodel eine Rolle gespielt haben könnte, halte ich allerdings für unwahrscheinlich. Andernfalls müsste ich Manuel eine akute Wahrnehmungsstörung diagnostizieren. Bei meinen inneren Werten sähe die Sache natürlich völlig anders aus. Da hätte er zweifellos recht. 😉

Jedenfalls schickte mir Manuel vor einigen Wochen ein Set seiner Tanatex-Kollektion im Tarnmuster Optimax zum Testen.
Der Begriff sagte mir zunächst nichts. Als erstes dachte ich an eine Weiterentwicklung von Tantra-Sex. Oder vielleicht eine Art Spanische Fliege, welche früher als potenzsteigerndes Mittel gehandelt wurde? Das machte mich echt neugierig. Bei dem Thema kann man immer was dazulernen und so begann ich zu recherchieren.
Tanatex Chemicals B.V. ist ein niederländisches Unternehmen, das chemische Wirkstoffe für Textilien entwickelt. Seit den 1970er Jahren wird Permethrin zur Imprägnierung von Textilien verwendet, darunter militärische Bekleidung, Outdoor-Ausrüstung und Jagdbekleidung. Laut Hersteller verbleiben selbst nach 40 Maschinenwäschen noch mindestens zehn Prozent des Wirkstoffs in den Fasern.
Das klingt zunächst wenig spektakulär. Interessant wird es aber bei der Frage, wie das Ganze funktioniert.
Vorbild für den Wirkstoff waren Chrysanthemen. Ja, genau: jene harmlos aussehenden Blumen, die auf Balkonkästen und Friedhöfen scheinbar friedlich vor sich hinblühen und unser Auge erfreuen. In Wahrheit liefern diese diabolischen Korbblütler die biologische Blaupause für einen Stoff, der Insekten ungefähr so begeistert wie ein Steuerprüfer den durchschnittlichen Unternehmer.
Permethrin wirkt auf das Nervensystem von Stechmücken, Zecken und weiteren Insekten, ähnlich wie besagter Steuerberater bei Unternehmern, nur für diese eben tödlich. Für Säugetiere gilt der Wirkstoff hingegen als unproblematisch. Lediglich Katzen können bei einer starken Überdosierung empfindlich darauf reagieren. Eindeutig ein weiterer Punkt auf der elendslangen Liste von Dingen, die Katzen nicht mögen.
Aber zurück zu meinem „todesverachtenden“ Selbstversuch! Bis auf den Bereich rund um die Augen und die Fingerspitzen war meine Haut komplett bedeckt. Das Hoodie-Shirt Tanatex 2.0 liegt eng an und besitzt diese absolut geniale Konstruktion mit dem Mund-Nasen-Schutz, der in die Kapuze eingearbeitet ist. Das ist eine dieser Smart&Simple-Lösungen, die ich an Manuels Entwürfen so schätze. Die Ärmel sind überlang und haben Durchgriffslöcher für den Daumen.
Da der Wirkstoff, welcher in die Fasern imprägniert wurde, eine gewisse Zeit braucht, um die Stechmücke unschädlich zu machen und es dadurch theoretisch der einen oder anderen noch gelingen könnte, den Saugrüssel ins menschliche Fleisch zu bohren, wurde bei der Version 2.0 ein sehr dicht gewebter Stoff verwendet, der auch das abwehren soll. Gegen die Entwicklung von Geruchsbakterien sind Silvadurionen mit eingearbeitet.
Die Hose (hier nur Tanatex 1.0), ist wie das Oberteil superleicht und ebenfalls mit schlauen Lösungen ausgestattet. Die rechte Seitentasche wird mit zwei kleinen Magneten verschlossen, die Linke und die Gesäßtasche haben einen Reißverschluss. Qualitativ sind beide Stücke hochwertig verarbeitet.
Gerüstet war ich zudem mit Handschuhen eines anderen Herstellers und einem Boonie-Hat. Das Summen schwoll an, die nervigen, geflügelten Biester drehten ihre Runden um mich und da spürte ich schon den ersten Stich – auf der unbedeckten Haut im Gesicht. Mittlerweile hatten die Mini-Moskitos auch meinen behandschuhten Handrücken entdeckt und dieser musste ebenfalls seinen Blutzoll entrichten. An meinem restlichen Körper hatte ich keine „Verluste“ zu vermelden.
Damit habe ich mir hoffentlich einen Platz in der „Hall of Fame“ bei Pirscher Gear sowie das Jäger-Verwundetenabzeichen fünfter Klasse verdient.

Seitdem habe ich das Set bereits zu einigen Ansitzen in „meinem“ ungarischen Revier getragen. Vorsichtshalber hatte ich zwar das tragbare Thermocell sowie den Anti-Mücken-Spray dabei, benutzen musste ich das aber nicht mehr. Unnötig zu erwähnen, dass ich bisher auch keine Zecken am Leib hatte.
Was funktionales Design, Verarbeitungsqualität, Tragekomfort und Insektenschutz betrifft, sind bei mir keine Wünsche offengeblieben. Und das kommt von jemandem, der normalerweise an so ziemlich jedem gekauften Produkt rumbastelt und versucht dieses dadurch noch zu optimieren.
Heftige, aber konstruktive Diskussionen hatte ich mit Manuel vor einigen Jahren, als er sein neues Tarnmuster Optimax vorstellte. Für mich waren die hellen Bereiche der Kleidung nicht groß genug, um die Körperkontur des Jägers zu verwischen. Mittlerweile hat sich das Tarnmuster in ein vierfärbiges, stark kontrastierendes mit großen Flecken entwickelt. Für mich jetzt auch in dieser Hinsicht überzeugend. Ich bilde mir damit nicht ganz ohne Stolz ein, auch hier einen kleinen Beitrag geleistet zu haben.

Zwischen Manuel und mir passt die Chemie – im wahrsten Sinne des textilen und persönlichen Bereichs. Ich habe von Manuel zwar das Set geschenkt bekommen, aber keinerlei sonstige Bezahlung. Es ist mir wichtig, das zu erwähnen, denn dieser Produkttest ist weder eine gekaufte, noch eine freundschaftliche Gefälligkeitsarbeit, sondern meine Überzeugung. Ich nutze mittlerweile viele der Entwürfe von Pirscher Gear und würde das auch machen, wenn ich den vollen Preis dafür zu zahlen hätte.
Das schönste Kompliment für Jagdbekleidung ist schließlich nicht, dass man darüber schreibt, sondern dass man sie immer wieder anzieht.
[1] https://www.pirschershop.de/