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Warum urbane Bogenjagd auf wildlebende Schweine und wie funktioniert das?

Warum urbane Bogenjagd auf wildlebende Schweine und wie funktioniert das?
© Christian Heinz | In einer Parkanlage vor einer Wohnsiedlung an der spanischen Küste gräbt ein wildlebendes Schwein den Boden auf der Suche nach Nahrung um
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Mit Jagdpfeil und Bogen auf „wildlebende“ Schweine im Stadtgebiet? Kann der Autor denn keine Jagdsprache und ist er womöglich in einem komplett anderen „Film“? Das mag sich so mancher gestandener Weidmann beim Lesen dieser Überschrift wohl fragen. Beurteilt selbst anhand des folgenden Artikels, ob sich hier ein neues Feld der notwendigen Bejagung und Kontrolle von wildlebenden Tieren auftut und findet heraus, warum ganz bewusst von wildlebenden Schweinen und nicht von Wildschweinen die Rede ist.

Text: Christian Heinz

Ganz neuen Studien zufolge (2025/2026) breiten sich Wildschweine in den letzten Jahrzehnten besonders in peri-urbanen (stadtnahen) und urbanen (städtischen) Räumen aus. Dies gilt für ganz Europa und im Speziellen für die iberische Halbinsel und westliche Balkanstaaten. Eine Besonderheit dabei ist, dass sich in von Menschen besiedelten Gebieten auch die Wildschweine besonders gerne aufhalten. Dies ist nicht über das ganze Jahr gleich. Vor allem im Sommer, wenn das Wasserangebot knapp ist und keine Flächen vorhanden sind, auf denen für Schweine interessante Nahrung geboten wird, sind die Schwarzkittel und ihre Hybride in urbanen Gefielen anzutreffen.[1]

Generell wächst die Population von Wildschweinen (sus scrofa) in Europa stetig. Wurden im Jahr 2010 in den untersuchten Ländern Europas noch 2,2 Millionen Stück Schwarzwild erlegt, so waren es 2017 bereits über 3 Millionen und aktuell sind es knapp 4 Millionen[2].

© Christian Heinz | Ein hybridisiertes Schwein sucht ungestört auf dem Rasen einer spanischen Küstenstadt nach Nahrung - das Schild HUNDE VERBOTEN im Hintergrund scheint hier nicht zu gelten

Der Autor dieser Zeilen verbrachte seit 2019 mehrfach pro Jahr ein paar Wochen gemeinsam mit spanischen Stadtjägern, die den dortigen Wildschweinen und Hybriden mit Jagdpfeil und Bogen auf die Schwarte rücken. Einer der absoluten Hot-Spots ist da sicherlich die Costa del Sol, ein etwa 140 km langer Küstenabschnitt im Süden Spaniens. Die Besonderheit dieses touristisch sehr beliebten Region ist, dass sie extrem dicht bebaut ist, es dort über 70 Golfplätze und jede Menge Residenzen sehr betuchter Mitmenschen gibt, die selbstverständlich auf ihren Swimming Pool und einen grünen Rasen inmitten der eigentlich ariden Landschaft Wert legen. Der Wasserbedarf ist in dieser Zone enorm. Bereits wenige Kilometer im Hinterland steigt das Gelände zu einer hügeligen bis bergigen Landschaft an, welche mittlerweile kaum besiedelt ist und durch die Umstände der Klimaerwärmung und dem sinkenden Grundwasserspiegel zunehmend verödet.

Dieses Szenario alleine erklärt schon, warum so viele Schweine in den besiedelten Gebieten anzutreffen sind. Verstärkt wird diese Entwicklung aber durch illegal oder schlecht entsorge Essensreste, staatlich verordnete Fütterung für streunende Katzen (in Spanien gibt es ein Gesetz, dass unter anderem die Versorgung von wildlebenden Katzenkolonien regelt[3]) und die große Lust vieler Touristen und Einwohner, eines der Schweine mit Fressbaren zu einem gemeinsamen Selfie zu überreden. Der fehlende Jagddruck in urbanen Bereichen verstärkt natürlich die Attraktivität dieser Zonen für Wildtiere. Aber nicht nur in Spanien, sondern auch in vielen anderen Gebieten Europas wachsen menschliche Besiedlungen, werden immer mehr Flächen verbaut und wie wir eingangs gelernt haben, vermehren sich auch die Wildschweine in Europa rasant.

© Christian Heinz | Touristen versuchen ein mitternächtliches Selfie mit Schweinen an einer Tankstelle in Spanien zu ergattern

Nachdem nun geklärt wurde, warum es die Vertreter der Tierart sus scrofa in die menschlichen Siedlungen zieht, beschäftigen wir uns mit dem Begriff wildlebender Schweine. Die Weltwirtschaftskrise 2008 hatte Spanien übel mitgespielt und viele der Züchter iberischer Hausschweine entließen ihre Tiere in die Freiheit, weil sie nicht mehr für sie sorgen konnten. Ein zweites Phänomen wurde durch niemanden geringeren als den Schauspieler George Clooney ausgelöst, der sich medial mit seinem zahmen vietnamesischen Hängebauchschwein Max in Szene setzte. Viele, meist städtischen Bewohner der iberischen Halbinsel, legten sich nun auch so ein vermeintliches Streicheltier zu und als sie der dann erwachsenen Schweinen überdrüssig wurden, setzte man sie ebenfalls aus.

Das Dilemma besteht darin, dass alle Drei, die Wildschweine, die iberischen Hausschweine und die vietnamesischen Hängebauchschweine zur Tierart sus scrofa gehören und sich untereinander paaren können. Da die beiden letztgenannten unter menschlicher Obhut, teilweise als Streicheltiere, aufgewachsen sind, fehlt die natürliche Scheu vor dem Menschen. Zumindest in der Region Costa del Sol gibt es unserer Erfahrung nach kaum noch Rotten, die nicht durchmischt und somit hybridisiert sind, Deshalb sprechen wir von wildlebenden Schweinen und nicht nur von Wildschweinen.

© Christian Heinz | neugierige Frischlinge nähern sich dem Autor auf einer urbanen Müllhalde in der Hoffnung gefüttert zu werden

Wenden wir uns jetzt der Praxis der Bejagung der Schweine in urbanen Gebieten zu. Das Abfeuern von Waffen in urbanen Gebieten birgt viele Risiken und in Spanien ist es deshalb explizit verboten. Für den Jagdpfeil und Bogen gibt es spezielle Ausnahmegenehmigungen, da der abgeschossene Jagdpfeil eine deutlich geringere Gefahrenzone aufweist, als ein Feuerwaffengeschoss. Nicht nur, dass die Energieausbeute mit um die 100 - 150 Joule weit unter der eines Jagdgeschosses liegt, sondern auch das Fehlen von unberechenbaren Abprallern oder Sekundärgeschossen beim Jagdpfeil prädestinieren diesen für den speziellen Einsatz. Die nicht vorhandene Lärmbelästigung und das subjektiv fehlende Gefahrenempfinden der Bevölkerung zu Bögen, gegensätzlich zu Gewehren, sind weitere Gründe.

Gejagt werden die Schweine in den Randgebieten der Siedlungen, von Ansitzeinrichtungen auf Bäumen mit Kirrungen aus oder auf Streiffahrten mit dem PKW durch die Vororte. Ein Netz aus Polizeibeamten, Magistratsbediensteten, Hausmeistern oder privaten Sicherheitsunternehmen melden den Stadtjägern, wo sich die Schweine gerade aufhalten. Zudem fahren die Jäger Streife durch die Ansiedlungen und klappern dabei Müllhalden, verlassene Grundstücke, Mülltonnen, Parks und Golfplätze ab, welche bei den Schweinen beliebt sind.

Die Bejagung findet prinzipiell in der Nacht statt, wen weniger Verkehr ist und kaum Menschen auf den Straßen sind. Dabei gehen die Stadtjäger sehr klandestin vor, sind äußerlich nicht als Jäger erkennbar und holen den Bogen nur aus dem Wagen, wenn keine Zeugen zu erwarten sind. Personen, die dringend ihre jagdlichen Heldentaten auf Social Media posten müssen, nicht absolut sicher mit dem Bogen umgehen können, keine erfahrenen Jäger sind oder nicht deeskalierend, sachlich und sicher mit möglicherweise aufgebrachten Passanten diskutieren können, sind hier fehl am Platz.

© Christian Heinz | in einem heruntergekommenen Vorort einer spanischen Stadt haben sich viele wildlebende Schweine breit gemacht

Obwohl der durchschnittliche Bogenjäger die anvisierte Beute bis auf 25 Meter weidgerecht erlegen kann, limitieren sich die spanischen Stadtjäger, dich ich begleitet habe, auf Distanzen von maximal zwölf Metern. Wenn aus erhöhten Ansitzen geschossen wird, bis etwa 15 Meter, wobei der Jäger auf die Aortenwurzel, knapp über dem Schweißbeutel (Herz), zielt. Derart getroffene Schweine gehen unserer Erfahrung nach maximal 30 bis 40 Meter weit, bevor sie verenden. Das ist wichtig, damit keine unnötige Gefährdung für Passanten oder den Verkehr entsteht. Dabei wird vorher darauf geachtet, in welche Richtung das zu beschießende Schwein steht bzw. wohin mögliche Fluchtrouten der Rotte hinführen könnten.

Ist die Gefährdung des Umfeldes zu groß oder sind Probleme durch anwesende Passanten oder Verkehr zu befürchten, werden die Schweine in eine andere Zone gelockt. Das funktioniert sehr gut mit einer Katzentrockenfutter-Mais-Mischung, die der Jäger in kleinen Dosen ausstreut. Die Schweine folgen der Spur oft kilometerweit. Wenn das notwendig ist, wird dieser seltsame Zug von Exekutivbeamten abgesichert.

© Daniel González | Schweine werden mit Futter aus der Gefahrenzone im Stadtgebiet gelockt (Die Aufnahme wurde mit einer Wärmebildkamera gemacht)

Die Bejagung von wildlebenden Schweinen mit Jagdpfeil und Bogen hat sich in den Städten vieler Länder, darunter speziell Spanien und Italien, bewährt und wird neuerdings auch für Städte in Deutschland diskutiert. Erst kürzlich wurde in der autonomen Provinz Trentino (Italien) beschlossen, explizit zusätzlich Jagdpfeil und Bogen zum Einsatz zu bringen, um der überhandnehmenden Population von Wildschweinen Herr zu werden.[4] Die Tendenz, zusätzlich Jäger mit Bögen einzusetzen, um ohne große Hinterlandgefährdung, möglichst störungsfrei für die Bevölkerung und trotzdem weidgerecht Wildschweine zu erlegen, kann in vielen weiteren europäischen Staaten in den letzten Jahren beobachtet werden.

Wer sich umfangreicher zu diesem Thema informieren möchte, dem sei das Buch PRAXIS DER URBANEN BOGENJAGD[5] des Autors empfohlen.


[1] Pérez-González, et. al. (2025) Demography, peri-urban presence, and male-biased dispersal in an expanding wild boar (Sus scrofa) population in western Spain. European Journal of Wildlife Research, 71, Article 149.
https://doi.org/10.1007/s10344-025-02030-2

[2] Smith, et. al. (2026) Mapping wild boar density across Europe: combining spatial models and density estimates. European Journal of Wildlife Research, 72, Article 31.
https://doi.org/10.1007/s10344-026-02059-x

[3] BOE-A-2023-7936 Ley 7/2023, de 28 de marzo, de protección de los derechos y el bienestar de los animales.

[4] Zu viele Wildschweine in Italien: Jetzt soll Jagen mit Pfeil und Bogen helfen | FAZ

[5] Buch Praxis der urbanen Bogenjagd