Die tierschutzgerechte und notwendige Tötung von Wildtieren in Zoos hat 2025 wochenlang die Schlagzeilen der Medien gefüllt. Demonstrationen und eine Anzeigenflut, begleitet von Shitstorms und Todesdrohungen, gaben die „Begleitmusik“ zu diesem unwürdigen Schauspiel. Wie sind solche Phänomene zu erklären und warum hat das auch mit uns Jägern zu tun? Ein Erklärungsversuch.
Text: Christian Heinz
Nürnberg, 29. Juli 2025. Unter strengen Sicherheitsmaßnahmen und Ausschluss der Öffentlichkeit wurden 12 Guinea-Paviane im Nürnberger Zoo nach einer Betäubung in Ihren Transportkisten per Kugelschuss getötet, das Muskelfleisch wurde dann an Raubtiere des Zoos verfüttert.
Weilburg, März 2025. 41 Wildschweine wurden präventiv, zur Abwehr der ASP, in einem Wildpark getötet. Das Fleisch wurde fachgerecht verarbeitet und zum Verzehr in den Verkauf gebracht.
Kopenhagen, 9. Februar 2014. Der Giraffenbulle Marius wurde mit einem Bolzenschussgerät betäubt, anschließend getötet, vor Publikum und Kameras zerlegt und anschließend an Raubtiere des Zoos verfüttert.

Allen drei Fällen ist gemeinsam, dass sie ein enormes Medienecho bewirkten und von Tierrechts- und Tierschutzorganisationen massiv kritisiert wurden. Das hat einen Aufschrei der Empörung bei vielen Bürgern bewirkt. Neben heftigen Protestkundgebungen, Petitionen (im Fall Marius 27.000) und hunderten Strafanzeigen (deutsche Fälle), gab es auch mehrere Todesdrohungen gegen Angestellte der Zoos in Nürnberg und Kopenhagen, von dem Shitstorms und den Beleidigungen gegen sie möchte ich gar nicht reden.
Im Gegenzug wurden laut einer aktuellen Veröffentlichung des Statistischen Bundesamts (Destatis, 2025) Pro-Kopf im Jahr in Deutschland 53,2 Kilogramm Fleisch verzehrt, der Großteil wohl aus Massentierhaltung. Laut dem letzten Zensus lebten 2022 in Deutschland 82,7 Millionen Menschen, was die unglaubliche Zahl von knapp 4,4 Millionen Tonnen an Fleisch bedeutet.
Um die Rechnung einfach zu machen, stellen wir diese Zahl einmal in Schweinen dar. Nimmt man an, dass von einem Schwein, welches 100 Kilogramm Lebendgewicht hat, etwa 56 Prozent als verwertbares Fleisch zum Verzehr übrigbleibt, wären das alleine für Deutschland zirka 78,5 Millionen Schweine pro Jahr! Wo ist hier die Empörung? Hierzu habe ich bereits einen Artikel im Jagablattl vom März 2021 geschrieben, der auch auf meiner Homepage nachzulesen ist.[1]
Kommen wir aber zurück zu den Guinea-Pavianen aus dem Nürnberger Zoo. Warum hat dieser Fall die Gemüter derart erregt? Das Gehege, in dem die Paviane leben, ist für 25 Tiere ausgelegt und vor der Tötung der Tiere war es bereits mit 43 Individuen fast doppelt so dicht belegt. Dadurch kam es zu Stress und Übergriffen zwischen den Tieren.
Der Zoo hat im Vorfeld alles erdenklich Mögliche unternommen, um die Affen nicht töten zu müssen. Bereits mehrere Jahre im Voraus wurde nach Alternativen gesucht. Es hatten sich zwar andere Tierhalteeinrichtungen und sogar Privatpersonen gemeldet, die eines oder mehrere der Tiere aufnehmen wollten, in der EU gibt es aber sehr strenge Regeln zur Haltung von Primaten und diese konnten von den Bewerbern nicht erfüllt werden oder sie weigerten sich schlicht, die versandten Fragebögen des Zoos auszufüllen. Ein Auswildern, wie von einigen Personen angeregt, kam ebenfalls nicht in Frage. [2]
Hier haben wir wieder einen interessanten Fall von romantischer Naturvorstellung urban geprägter Menschen aus der „ersten Welt“. Um Natur- und Tierschutzgerecht zu sein, müssten die Guinea-Paviane in einem Gebiet ausgewildert werden, in dem sie natürlich vorkommen. Ihr Verbreitungsgebiet ist, grob gesagt, in Westafrika, in den offenen Gebieten mit Wasser, und sie gelten nach der Roten Liste der IUCN als stark gefährdet. Der Grund?

Menschliche Siedlungen und Felder breiten sich dort immer mehr aus und Paviane gelten als absolute Störenfriede und Diebe. Weder Hauseinrichtungen, Vorratslager, Antennen, Autospiegel oder Feldfrüchte sind vor ihnen sicher. Die meisten Jäger und viele andere, die schon einmal in Afrika waren, haben den Hass der Einheimischen auf diese Tiere wohl schon miterlebt. Außerdem sind Affen als Bush-Meat bei den Einheimischen beliebt. Es bräuchte also Areale, in denen es keine menschlichen Ansiedlungen gibt und die den Affen ein Überleben sichern – leider Fehlanzeige.
Warum aber entzünden sich die Gemüter vieler Menschen gerade derart an Fällen wie den Pavianen in Nürnberg, den Wildschweinen in Weilburg oder der Giraffe Marius in Kopenhagen?
Ein erster Gedanke könnte sein, weil es sich um ikonische Tiere (Giraffe) oder um Primaten (Guinea-Paviane) handelt. Oder etwa, weil es dem Menschen sehr nahestehende Haustiere sind, wie Hund und Katz? Wie passen da aber die Wildschweine aus Weilburg hinein? Oder der Fall von Fiona, einem Schaf, dass 2023 weltweite Berühmtheit erlangte. Fiona wurde 2021 von einer Kajakfahrerin unter einer Steilküste in Schottland entdeckt. Das Tier war wohl von der Herde getrennt worden, konnte nicht mehr zurück. Nach 52.000 Unterschriften und einer mir nicht bekannten Summe an Geld wurde das „einsamste Schaf der Welt“ unter großem Medienrummel „gerettet“. Das Tier war zum Zeitpunkt der Aktion mit 92 Kilogramm (ohne Wolle) deutlich übergewichtig.[3]
Wildschweinbraten und Lammkeule sind auf unseren Tellern gern gesehene Speisen. Warum also diese unreflektierte Doppelmoral?

Dafür hat sich in der Wissenschaft der Begriff „THE MEAT PARADOX“, was man mit „DER INNERE WIDERSPRUCH ZWISCHEN TIERLIEBE UND FLEISCHKONSUM“ ins Deutsche übersetzen könnte, etabliert.
Dieser Widerspruch, auch als Dissonanz oder Ambiguität bezeichnet, ist das Thema einiger wissenschaftlicher Arbeiten. Wer sich da weiter „reingraben“ möchte, dem seien beispielhaft die in den Fußnoten angeführten Publikationen empfohlen.[4],[5],[6].
Ich möchte hier nicht alle Menschen in das gleiche Schema pressen, denke aber, dass die Erklärung dieses inneren Widerspruchs und dessen Verarbeitungsstrategie einiges erhellen kann und auf eine Vielzahl der menschlichen Omnivoren (ernähren sich von pflanzlicher und tierischer Nahrung) zutrifft.
In meiner Interpretation dieser Arbeiten ist eine der sehr vereinfacht heruntergebrochenen Kernaussagen: „Ich esse Fleisch, weiß auch Bescheid, dass Tiere dafür sterben müssen, esse aber weiter Fleisch und engagiere mich dafür bei moralisch hochstehenden Projekten – so werde ich reingewaschen“.
Weitere Erkenntnisse dieser Arbeiten bestehen darin, dass die reine Information über Tierleid (neutrale Schilderung) deutlich weniger wirkt, als wenn moralischer Ekel beim Konsumenten erzeugt wird und dass Frauen empfänglicher für diese Botschaften sind als Männer.

Um das in meine Schlussfolgerung überzuleiten, kommen wir vorher noch zu einem Thema, das mich persönlich sehr stark beschäftigt, nämlich der Rolle des Individuums in der Konsumgesellschaft in unseren Breiten. In meiner Wahrnehmung suggeriert uns die Werbung, dass wir als Einzelperson einzigartig und etwas ganz Besonderes sind, von der Masse hervorstechen und uns daher genau jenes Produkt verdient haben, für welches gerade geworben wird. Besonders krass kommt das bei vielen Auto-Werbespots oder Funktion-Food zur Geltung. Verstärkt wird dieser Druck durch Influencer und geschönten oder gestellten Fotos in den sozialen Netzwerken.
Der allergrößte Teil von uns muss sich wohl insgeheim eingestehen, dass er oder sie eben nichts so Besonderes, Außergewöhnliches im Vergleich zu den anderen Menschen darstellt. Wie aber nun den Anspruch auf „Besonders“ trotzdem erfüllen?
Gott sei Dank gibt es dafür die eingangs erwähnten Kampagnen gegen die Zoos. Hier bietet sich dem hier nicht gegendertem Fleischkonsumenten ein wunderbares Ventil, um sein angekratztes Gewissen zu erleichtern und dabei noch etwas Besonderes darzustellen. Tue Gutes und iss deine Hühnerkeulen aus der XXXL Packung um 9,90 Euro weiterhin sorglos! Für die Initiatoren derartiger Kampagnen ist das ebenfalls ein Gewinn, denn dadurch wird ihr empörter Aufschrei überproportional in die Welt hinausgetragen und die Spenden sprudeln üppig.

Laut meiner Recherche wurde trotz hunderter Strafanzeigen in keinem der oben beschriebenen Fälle ein Gerichtsverfahren geführt oder ein Schuldspruch gefällt. Mir ist nur ein einziger Fall bekannt, indem ein deutscher oder österreichischer Zoo im Zusammenhang mit der Tötung von Zootieren schuldig gesprochen wurde. Im Jahr 2010 wurden im Magdeburger Zoo drei nicht reinrassige Tigerbabys direkt nach der Geburt getötet. Verurteilt wurden die Verantwortlichen aber nicht wegen der Tötung, sondern weil sie es unterlassen hatten, sich vorher um die Unterbringung der Tiger in einer anderen, geeigneten Einrichtung zu bemühen.[7] Den großen Tierschutz- und Tierrechts-NGO´s ist der Umstand natürlich bekannt, dass nur wegen der tierschutzgerechten Tötung von Überpopulationen in Zoos keine Schuldsprüche gefällt werden. Trotzdem erstatten sie immer wieder öffentlichkeitswirksam Anzeigen, denn das bringt Aufmerksamkeit.
Die meisten Zoos, welche Raubtiere halten, züchten übrigens auch Beutetiere, die dann getötet und an ihre Carnivoren verfüttert werden. Da gibt es aber in der Regel keinen Aufschrei und keine Anzeigen – zu wenig Aufmerksamkeitspotential. Zudem, meiner Einschätzung nach, auch noch ein schwer aufzulösender Erklärungskonflikt, da der Versuch, Fleischfresser auf vegetarische Kost umzustellen, auch nicht gut beim Volk ankommt.
Meiner Ansicht nach erfüllen, nach strengen Qualitätskriterien geführte Zoos, und das sind die allermeisten im deutschsprachigen Raum, einen wichtigen Bildungsauftrag. Ganz speziell für die Bewohner mitteleuropäischer, urbaner Räume. Viele Kinder kommen mit Wildtieren nur mehr in diesen Einrichtungen in Kontakt. Ganz zu schweigen davon, was diese Zoos für die Erhaltung von gefährdeten Tierarten leisten.
Allerdings fehlt vielen Zoos noch ein wesentlicher Aspekt in der Präsentation tierischen Lebens – der Tod! Gefressen zu werden, von einem Rivalen beim Kampf um die Weibchen getötet zu werden, das gehört zum tierischen Alltag genauso dazu wie die Paarung, die Jungenaufzucht und das Rudelleben.

Ich plädiere jetzt nicht dafür, Zootiere vor Publikum zu töten, aber die Aktion mit Marius, der Giraffe aus dem Zoo in Kopenhagen, die vor vielen Zusehern und Kameras zerlegt und dann verfüttert wurde, finde ich einen wichtigen Schritt in die richtige Richtung. Hier verweise ich nochmals auf meinen Artikel zum Umgang mit tierischen Lebensmitteln und dem Tod, indem ich diesen Aspekt tiefgreifender behandle.[8]
Fazit: Der menschliche Körperbau (Zähne, Verdauungstrakt, Enzyme, Stoffwechsel, usw.) sowie urgeschichtliche Funde belegen eindeutig, dass wir Omnivoren sind. Der allergrößte Teil der Menschheit liebt es, Fleisch zu essen. Dafür sollten wir uns nicht schämen! Natürlich ist Empathie gegenüber jedem Lebewesen angebracht und steht in unserer zivilisierten Gesellschaft außer Frage. Tieren ein artgerechtes Leben zu ermöglichen gehört für mich selbstverständlich dazu. Tierschutzorganisationen erfüllen dabei einen wichtigen Beitrag und haben in der Vergangenheit bereits sehr viel zu diesem Ziel erwirkt. Ich lehne es aber ab, dass Tiere für deren monetären Ziele missbraucht werden. Tierschutz muss auch ohne Bashing von Einrichtungen wie gut geführte Zoos gehen – es gibt noch genug andere Schurken, die wirkliche Schandtaten an Tieren begehen.
Ganz zum Schluss nun mein persönlicher „Bogenschlag“ zur Jagd. Sinngemäß steht in den Tierschutz- und Strafgesetzen Österreichs und Deutschlands, dass Tiere und speziell Wirbeltiere nicht ohne vernünftigen Grund getötet werden dürfen. Genau hier setzen die Anzeigen in den oben genannten Fällen an. Wir Jäger haben einen klaren Auftrag, nämlich die Bestandsregulierung unseres Wildes, unter anderem durch die Tötung von Wildtieren. Sollten diese Kampagnen, in Form von Rechtsprechung oder medialem Druck, Erfolg haben, wird auch unsere Aufgabe prinzipiell in Frage gestellt. Daher sollten uns wir Jäger deutlich und mit einheitlicher Stimme gegen derartige Angriffe aussprechen, auch wenn sie im ersten Anschein gar nichts mit uns zu tun haben.

[1] www.derheinz.eu - Die Sache mit der Jagd, dem Tierwohl und den Lebensmitteln
[2] https://tiergarten.nuernberg.de/populationsmanagement-paviane
[4] Escaping from the meat paradox: How morality and disgust affect meat-related ambivalence | Benjamin Buttlar, et.al., 2020
[5] Meat-related cognitive dissonance: A conceptual framework for understanding how meat eaters reduce negative arousal from eating animals | Hank Rathgeber, 2020
[6] Neutralising the meat paradox: Cognitive dissonance, gender, and eating animals | Elisha Dowsett, et.al., 2018
[7] Tagungsband_ATF-TVT_TierschutzZirkusZooLeipzig_25
[8] www.derheinz.eu - Die Sache mit der Jagd, dem Tierwohl und den Lebensmitteln