Jagdreisen nach Südafrika verbinde ich üblicherweise mit luxuriösen Lodges, eisgekühlten Drinks am Swimmingpool und Zimmerservice, was auf mich als weitgereister Bogenjäger nur geringfügig attraktiv wirkt. Ich stehe auf pures, ungeschminktes Abenteuer! Zum Glück kenne ich zwei Jungs aus Südafrika, die ähnlich ticken wie ich, nämlich Brenden und Armand – ihres Zeichens Berufsjäger, Outfitter und Bogenjäger. Und so entstand unser Plan eines Bushcamps mit Zelten, so ursprünglich und naturnahe wie möglich und doch mit dem notwendigen Service- und Sicherheitspaket, das europäische Gäste in der Wildnis Afrikas brauchen.
Text: Christian Heinz
Eine fast perfekte Jagdreise mit Hindernissen
Wie ein goldener, glühender Ball schob sich die Sonnenscheibe langsam hinter den Bäumen in die Höhe und flutete alles mit dem unvergleichlichen Licht Afrikas. Wir standen mit Tassen dampfenden Kaffees rund um das wärmende Lagerfeuer und besprachen im leisen Ton, vor den mit winzigen Wassertröpfchen besprenkelten Zelten, in denen uns das monotone Rauschen der Wasser des Limpopo in der Nacht zuvor in den Schlaf gewiegt hatte, den Plan für die Jagd des Tages. Die Luft war frisch, roch unvergleichlich nach feuchter Baumrinde mit einer Note Harz der Mopane Bäume und die Vögel hatten ihr Konzert in den umliegenden Bäumen bereits begonnen. Sie tschilpten und piepsten und pfiffen aus vollem Halse gegen das leise Rollen der Fluten, direkt unter uns, am Fuße des Steilhangs, an der Grenze zu Botswana, an. In der Nacht davor hatten wir die Krokodile im Schein unserer Lampen bei ihrer reglosen Lauer, nur wenige Meter entfernt, beobachtet. Die südafrikanischen Berufsjäger standen trotzig zu ihrem Berufsethos, in dem das ungeschriebene Gesetz verlangt, immer in kurzen Shorts unterwegs zu sein und riskieren so in der Kälte des Morgens Blasenentzündungen oder Schlimmeres. Der klare, wolkenlose Himmel versprach eine gute Jagd an diesem Tag, Anfang Oktober, im afrikanischen Busch. Matthias hatte bereits Jagdglück auf einen guten Warzenkeiler und uns dann am Abend noch mit einer saftigen Nilgans versorgt. Auch noch andere aus der Gruppe hatten bereits Jagdglück und sahen entspannt und voller Vorfreude auf das, was uns dieser Tag bringen würde.

So oder ähnlich hatten wir uns alle wohl den Verlauf des gesamten Jagdabenteuers ausgemalt, doch leider hatte uns Modimo, der Schöpfer und Lenker der Welt in der Religion der hiesigen Tswana, etwas anderes vorbestimmt. Er, oder einfach der Klimawandel, hatte die Regenzeit einige Wochen zu früh einsetzen lassen und so kämpften wir an den meisten Tagen mit Schlamm, Nässe, Wind und Kälte. So blieben nur zwei der insgesamt sechs Tage, an denen wir unter optimalen Bedingungen jagen konnten, denn die afrikanische Tierwelt kommt bei schlechtem Wetter nicht gern aus der Deckung und auch der Gang zum Wasserloch ist nicht zwingend nötig, wenn im gesamten Areal riesige Wasserlachen zu finden sind. Trotzdem konnten alle Jäger Jagderfolg verzeichnen, was auch der guten Vorbereitung und der Erfahrung der Jagdführer zu verdanken war.
Bereits die Anfahrt ins Jagdrevier begann mit einer ungewollten, dafür aber gründlichen Unterbodenwäsche des Vans, der uns vom Flughafen in Johannesburg an den Rand des Jagdreviers bringen sollte. Auf der sonst staubtrockenen Sandpiste fuhr sich der Wagen im weichen Untergrund fest. Nur mit den Pferdestärken des zur Hilfe geeilten Landcruisers und einem Seil konnten wir unsere Fahrt bis zur Zwischenstation im Farmhaus fortsetzen. Ab da ging es mit den Geländefahrzeugen weiter in den Busch.

Für mich war diese Reise diesmal etwas ganz Besonderes, denn neben Sophie, die als einzige nur mit dem Gewehr jagte, Matthias und Michael war zum ersten Mal auch mein Sohn Ernesto mit von der Partie. Die erste gemeinsame Afrikajagd mit meinem Sprössling war ein lang gehegter Traum, ein richtig kitschiges Vater-Sohn-Ding und hat sich für immer in mein Gedächtnis gebrannt und die Bande zwischen uns noch stärker gemacht.
Wir Bogenjäger jagten unter Tags hauptsächlich aus Blinds, die allesamt nur mit natürlichen Materialien wie Ästen und Gras gebaut waren, an Wasserstellen und Fütterungen während Sophie mit ihrer Büchse untertags meist im Walk-and-Stalk-Modus mit ihrem Führer unterwegs war. Ernesto entschied sich für einen Mix aus Bogen und Büchse. In den Nächten saßen Matthias, Ernesto und ich entweder in Blinds rund um das Lager an oder fuhren zu einer anderen Farm, die sich auf Bushpigs, Stachelschweine und Hyänen spezialisiert hatte. Der Erfolg dort war leider nicht der gewünschte. Wir hatten zwar regelmäßig guten Anblick von Teils enormen Bushpigs, die auch entspannt an den Kirrungen verblieben, die Blinds und die Beleuchtung waren aber auf Gewehrjäger ausgerichtet und so hatten wir das Nachsehen mit unseren Bögen. Dafür aber konnten einige Stachelschweine bejagt werden.

Da könnte jeder Leopard neidisch werden
Die ersten Tage verbrachte ich gemeinsam mit meinem Sohn in den Blinds und ließ ihm natürlich den Vortritt, um seine ersten Stücke in Afrika mit dem Bogen zu schießen. Unser Guide war Benton, der Vater von Brenden und Armand. Benton war zu diesem Zeitpunkt 60 Jahre alt, groß, hager und zäh mit einem von Wetter und Zigaretten gegerbten, zerfurchten Gesicht. Meiner Beobachtung und Einschätzung nach ein sehr erfahrener Guide für Bogenjäger, der zudem auch sympathisch und geistvoll ist. Wie groß die Erfahrung von Benton wirklich war, zeigte er mir bei einem Morgenansitz, den er mit mir alleine machte.

Das Paviane (Baboons) keine besonders beliebten Nachbarn der ansässigen Farmer sind ist allgemein bekannt. Dass es hier aber noch eine spezielle, offene Rechnung gab, erfuhren wir beim bereits erwähnten Besuch des Farmhauses, welches etwa fünf Kilometer von unserem Zeltlager war. Die Affenmeute hatte am Tag vor unserer Ankunft das Reeddach des Haupthauses ordentlich zerlegt bei ihrer Suche nach Insektenlarven, und so drückte der Farmer nochmals ausdrücklich seinen Wunsch aus, auch Paviane zu bejagen.

Dieser Wunsch, den der Farmer mit grimmiger Stimme und funkelnden Augen ausgesprochen hatte, kam mir in Erinnerung, als wir den Trupp Paviane, etwa 20 von ihnen, vorsichtig aus dem hüfthohen Grasland auf die Kirrung anwechseln sahen. Benton deutete mir, mich ganz nach hinten in die dunkelste Ecke des Blinds zu verziehen und mich möglichst nicht zu bewegen. Leise flüsterte er seine Anweisungen an mich. „Erst kommen die rangniedrigeren Tiere aus der Deckung, dann die ranghöheren und zum Schluss der Chef. Einer ist der Wächter, der etwas abseits auf einer erhöhten Position sitzen wird, wahrscheinlich der Baum zu unserer linken. Rechts von uns, in acht Metern Entfernung, ist ein Futtertrog mit Mais, da wird sich das Alphamännchen hinbegeben, nachdem alle anderen bereits am Fressen und Saufen sind. Bis dahin musst du dich völlig ruhig verhalten und dem Drang widerstehen, aus dem Blind zu blicken. Behalte nur den Futtertrog von da hinten aus im Auge. Wenn ich dir das Zeichen gebe, musst du den Bogen spannen und warten, bis er da raufgeklettert ist und dann ohne Bewegung zielen und schießen.“ Das war die Prognose von Benton und genau so traf sie ein. Ich konnte nur anhand der Geräusche erahnen, was da draußen los war. Es gab lautstarke Auseinandersetzungen, welcher Pavian an die besten Futterstellen durfte, dann wurde es ruhig und ich hörte deutlich Schmatzgeräusche.

Die Verursacher konnten nicht weit sein, vielleicht ein paar Meter. Benton lugte durch eine winzige Öffnung des Blinds, die nicht viel größer war als sein Auge. Nach etwa zehn Minuten drehte er in Zeitlupe seinen Kopf, schaute zu mir und gab das Zeichen. Nun spannte ich den Bogen so langsam, leise und bewegungsarm wie irgend möglich. Dann nahm ich den Trog, der auf einem Gestell aus Metallbeinen etwa 70 Zentimeter über dem Boden montiert war, durch den schmalen Schlitz in unserer Deckung ins Visier. Erst sah ich nur einen behaarten Arm, gefolgt von einem Körper mit riesiger Schnauze. Der Pavian setzte sich hinter den Trog, blickte in alle Richtungen, legte seine Hände auf den Rand und schwang sich mit der Leichtigkeit eines Turners hinauf, wo er, wie angekündigt, mit der Selbstverständlichkeit eines Paschas seinen überhöhten Platz einnahm und begann, sich die Maiskörner ins Maul zu stopfen. Dabei sicherte er in alle Richtungen mit einem, meiner Interpretation nach, sehr selbstgefälligen und zufriedenen Gesichtsausdruck. Die Eckzähne blitzten jedes Mal auf, wenn er das Maul öffnete um sich eine neue Ladung Körner hineinzuschieben. Ich hatte noch nie ein Männchen mit einem derartigen Gebiss gesehen, dass sicherlich jeden Leoparden neidisch gemacht hätte. Dann blickte er direkt in den kleinen, schwarzen Schlitz meiner Schießscharte und somit mir in die Augen.

Ich konzentrierte mich nur auf den Schuss, blendete die stechenden Augen unter den dicken Augenwülsten aus und zielte mitten auf die Brust. Gleich darauf löste sich der Pfeil von der Sehne, beschleunigte innerhalb von siebzig Zentimetern auf über 300 km/h und verschwand im Bruchteil einer Sekunde direkt an der Stelle, die ich anvisiert hatte, nur um gleich darauf kurz hinter dem Pavian wieder auf der Bildfläche als Strich in der Landschaft zu erscheinen und im fast selben Moment zwischen langen Grashalmen zu verschwinden. Da ich wegen der größeren Schnittbreite eine mechanische Spitze auf meinem Pfeil montiert hatte, gab es ein hartes Aufschlaggeräusch durch den Öffnungsmechanismus, als das Geschoß auftraf. Das Alphamännchen machte einen riesigen Satz mit einer seitlichen Rolle rückwärts und verschwand lautlos aus meinem Blickfeld. Das zufriedene Grinsen und der erhobene Daumen von Benton bestätigte mir die gute Trefferlage. Benton und ich verhielten uns weiterhin absolut lautlos. Der Rest der Bande hatte trotz des Auftreffgeräusches, des Sehnenschlags und der Flucht des großen Pavians nicht mitbekommen, was soeben passiert war und verblieb nach einigem Gezeter und unsicherem Hin- und Hergelaufe noch gute 20 Minuten auf der Stelle. Den kapitalen Pavian fanden wir eine Stunde später, keine 50 Meter entfernt, tot mit einem kompletten Durchschuss und einem Treffer im Herzbereich. Seine Eckzähne maßen viereinhalb Zentimeter.

Ernestos Pirsch mit dem Crazy-Guy
In so gut wie jeder Gruppe gibt es einen Crazy-Guy und diesen Titel muss ich neidlos Altus, dem so um die 28 Jahre alten Sohn des Farmbesitzers zugestehen. Altus ist schlank, trug entweder Shorts oder, als es richtig kalt wurde, Stonewashed Jeans, ein T-Shirt unbestimmter Farbmischung und dazu eine zweckentfremdete Koppel mit H-Trägern und Taschen aus Segeltuch, wahrscheinlich aus dem Fundus der südafrikanischen Armee der 80er Jahre. In den Taschen bewahrte er unter anderem mindestens fünf verschiedene Taschenlampen auf, zumindest hatte ich so viele gezählt. Das Skinner Messer war griffbereit auf dem linken Träger des Armeekoppels mit Klebeband fixiert. Seine wild wuchernde, blonde Lockenpracht, unter der wache blaue Augen leuchteten und der ungepflegte Vollbart rundeten das Bild ab. Ein echter Hardcore Jagdguide mit einigen Spleens, einem etwas abgedrehten Sinn für Humor, lodernden Jagdfieber und einem butterweichen Herz. Also genau der Richtige für meinen Sohn Ernesto!

Ernesto hatte mittlerweile den Bogen gegen die Feuerwaffe getauscht und war mit Altus an einem verflucht kalten und regnerischen Tag auf die Pirsch gegangen. Als ich die beiden am Nachmittag wieder sah, nass bis auf die Unterwäsche und von oben bis unten schlammverschmiert und eindeutig nach Dung riechend, mit funkelnden Augen und einem geradezu unverschämten Grinsen auf den Lippen, da wollte ich die Geschichte unbedingt hören.
Die Beiden waren im Streifgebiet zur Fußpirsch im Busch abgesetzt worden und hatten im Regen ein Rudel Impalas, etwa 40 Stück, ausgemacht. Immer wieder versuchten sie in der tiefsten Gangart über eine Stunde, nämlich am Bauch durch Schlamm und Kot rutschend, in eine gute Schussposition zu kommen, es waren aber einfach zu viele Augen. Als sie das Rudel schließlich verloren hatten entdeckte Ernesto fünf weitere Impalas und ein einzelnes Zebra. Mit einem kurzen, leisen Pfiff stoppte er den vorausgehenden Altus. Wieder in tiefster Gangart schafften es die beiden unbemerkt bis zu einem Baum, an dem gut angeschlagen werden konnte. Allerdings war ein Schuss schwierig, da die Stücke in einem von Büschen stark durchsetzen Gebiet standen und sich teilweise gegenseitig verdeckten. Das Zebra machte endlich, in einer Entfernung von 50 Metern, ein paar Schritte nach vorne und stand nun frei.
Ernesto wollte nichts falsch machen und zielte sehr sorgfältig, legte den Finger an den Abzug und begann langsam den Druck zu erhöhen. Genau in diesem Moment stellte sich eines der Impalas hinter das Zebra. Für Ernesto ein Risiko, das er mit einem Schuss nicht eingehen wollte. Beide blickten gebannt, Ernesto weiterhin das Gewehr im Anschlag, mit angehaltenem Atem auf die beiden Tiere aber es ergab sich keine weitere, sichere Schussmöglichkeit. Nach einigen Minuten drehten beide ab und verschwanden im Busch. Altus wurde seinem Ruf gerecht, schickte mit verdrehten Augen und grimmig verzerrtem Gesicht ein paar übertrieben dramatisch vorgetragene, aber nicht ernst gemeinte Verwünschungen in Richtung des Impalas und brachte so Ernesto zum Lachen. Benton war mit dem Landcruiser gekommen und die beiden Jäger versuchten noch das Zebra mit dem Wagen in einem Bogen zu umschlagen sowie einen weiteren Pirschversuch von weiter vorn. Das Zebra und die Impalas blieben aber verschwunden.

Michael und die tiefen Wasser
Michael ist ein ruhiger, im besten Sinne bescheidener Mensch, der sich weder in den Vordergrund drängt noch den Anspruch hat, ständig im Recht zu sein, alles besser zu wissen. Dies war die erste Afrikareise für ihn und so war ich ganz besonders gespannt, was ihn wohl am meisten bei unserem gemeinsamen Abenteuer beeindruckt haben könnte. Stille Wasser sind tief, so lautet das Sprichwort und zu Michael passt das sehr gut, denn es war nicht sein Jagderfolg, von dem er mir erzählte.
„Was den größten Eindruck auf mich gemacht hat? Wie herzlich und vorbehaltlos wir in diese Familie aufgenommen wurden. Total selbstverständlich hat Brenden seine Frau und seine beiden Kinder mit dabeigehabt, die im Lager herumgetollt sind, Bilder für uns gemalt haben und als echte Buschkinder, trotz der Kälte, barfuß ab und an mit im Blind gesessen haben. Ich wurde nie dazu gedrängt, einen Schuss zu machen, sogar nicht auf einen Pavian, den ich perfekt vorhatte und der als Schädling gilt. Für mich hätte das einfach nicht gepasst. Auch sonst wurde von der Familie alles unternommen, um uns unseren Aufenthalt so angenehm und sicher wie möglich zu gestalten. Dies war kein Abarbeiten von Kunden, sondern hier hat ein perfekt aufeinander abgestimmtes Team seine Berufung gefunden. Diese Herzlichkeit hat mich wirklich am meisten beeindruckt und ich denke, dass die Abschiedsworte von Brenden, nämlich als Gäste gekommen und als Familie gegangen, einen wahren Kern haben.“

Ich habe lange über die Worte von Michael nachgedacht. Gewiss, bei einer Jagdreise möchte man eigentlich seine Jagdziele erreichen, gute Bilder machen und spektakuläre Geschichten sammeln, um zuhause dann was zum Erzählen zu haben. Aber so herzlich und selbstverständlich behandelt zu werden, deutlich über der normalen Gastfreundschaft, das ist schon etwas Besonderes.

Ernestos Hyäne
Ein langgehegter Wunsch meines Sohnes war es, eine Hyäne zu erlegen. Seit frühester Jugend begleitete er mich bei diversen Jagden in Ungarn und Spanien, die zumeist in der Nacht stattfanden. Wir hatten ausgiebig über viele Nächte mit dem Bogen trainiert und Ernesto brachte seinen Jagdpfeil treffsicher auf 30 Meter, auch unter schlechten Lichtverhältnissen, ins Ziel. Allerdings waren die Umstände bei dieser Reise nach Afrika anders, das Wetter machte die stundenlangen nächtlichen Ansitze an den Baits zu einer echten Qual und keine Hyäne zeigte sich an den gut vorbereiteten und vorher auch angenommenen Luderplätzen. Am letzten Tag organisierten Brenden und Armand auf eigene Rechnung einen Spezialisten, der die Carnivoren der Nacht mit Lockrufen verletzter Tiere in Schussweite bringt. Auch in dieser Nacht war es kalt und regnerisch. Ernesto hatte noch einige Schuss mit dem Gewehr auf eine Zielscheibe absolviert, um gut für diese letzte Nacht vorbereitet zu sein.

Klaus, so war der Name des Spezialisten, der mit seiner Nickelbrille eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Coca Cola Weihnachtsmann aus den 30er Jahren, aber ohne Bart, hatte, verfügte über einen für diese Mission bestens ausgestatteten Wagen. Ernesto, in Begleitung von Altus, schwang sich auf die Ladefläche und los ging es in den Busch. Die Dämmerung brach gerade herein, als die Lockrufe ihren Erfolg zeitigten und eine braune Hyäne zwischen den Büschen auftauchte. Klaus lockte nochmals, allerdings mit verminderter Lautstärke und die Hyäne kam etwas näher, setzte sich dann bei 100 Metern auf den Boden. Dabei bewegte sie die Lauscher wie zwei Radarschüsseln im Halbkreis, um die Richtung der Laute zu bestimmen. Ernesto war bereits im Anschlag, zielte und schoss. Die Hyäne quittierte den Treffer mit einem steilen Sprung nach oben und war sofort aus dem Blickfeld hinter Büschen verschwunden. Das Trio wartete 20 Minuten und bewegten sich dann Richtung Anschuss. Mittlerweile war es völlig Dunkel. Nach einigen Minuten war mithilfe der Lampen der Anschuss gefunden und auch ein paar kleine Schweißspritzer, die in die vermutete Fluchtrichtung zeigten. Die Nachsuche musste aber nach nur wenigen Minuten abgebrochen werden, da die Fluchtfährte mitten in ein mit vielen, beinahe undurchdringbaren Dornbüschen und hohem Gras bewachsenes Gelände führte. Verwundete Hyänen stellen ein massives Risiko für nachsuchende Jäger in so einem Umfeld, speziell bei Nacht, dar und dieser Gefahr wollten sich die Berufsjäger mit meinem Sohn im Schlepptau nicht aussetzen.

Am nächsten Tag, als wir bereits unterwegs Richtung Flughafen waren, kam die erlösende Nachricht von Klaus. „Hyäne gefunden, diesen Morgen, Fluchtstrecke 250 Meter, auf einer Seite stark angeschnitten von anderen Carnivoren, Weidmannsheil!“ So erfüllte sich der langgehegte Wunsch von Ernesto nach vielen Jahren.
Matthias Warzenschwein
Faszination Afrika! Wie die meisten von uns hatte auch Matthias eine gewisse Vorstellung davon, erzeugt und genährt durch Erzählungen und Filme. Doch es selbst zu sehen, zu riechen und zu spüren, ist dann doch nochmals etwas ganz anderes.

Die unendliche Weite des Landes, die Tierwelt und das Feeling im Busch auf Jagd zu sein, hatte Matthias sofort in den Bann gezogen, immer mehr „infiziert“ mit dem sogenannten Afrikabazillus. Sein persönliches Highlight dieser, zugegebenermaßen zu kurzen Reise, fand am dritten Tag statt. Bei nicht ganz warmen Temperaturen und einem teilweise brisenhaft auffrischendem und wechselnden Wind beobachtete Matthias die Umgebung durch einen kleinen Schlitz in der Verkleidung aus getrocknetem Gras und Ästen des Blinds. Jede Menge Vögel waren zu sehen, Rufe verschiedener Tiere drangen aus dem Busch und der Geruch des trockenen Grases stieg Matthias in die Nase.
Ein einzelner Pavian hatte sich bereits an der Wasserstelle gezeigt, Matthias sah aber von einem Schuss ab, um keine Beunruhigung zu erzeugen. Brenden, einer der Outfitter und Berufsjäger, der ihn bei diesem Ansitz begleitete, bestätigte mit einem „Daumen hoch“ die Entscheidung von Matthias, die sich nur kurz darauf als goldrichtig erweisen sollte.
Fröhlich trollten, wie aus dem Nichts, drei Warzenschwein Frischlinge aus dem hohen Gras auf die Fläche vor dem Blind, direkt gefolgt von zwei Bachen, die wahrscheinlich ihren ersten Wurf führten. Es wäre sicher erfrischend gewesen, dem sorglosen Treiben und Spielen dieser lustigen Truppe eine Weile zuzusehen, wäre da nicht dieser Keiler, der regungslos an der Grenze des hohen Grases, halbverdeckt von einem Dornenbusch, in Richtung Wasserloch sicherte.
Auch Brenden hatte ihn gesehen und beobachtete mit zusammengekniffenen Augen das weitere Geschehen. Brenden ist das „Gesicht“ von Silver Thorn Safaris, der Kommunikator und die treibende Kraft. Unermüdlich kümmerte sich der bullige Mitvierziger um die Organisation, das Wohlergehen der Gäste und hatte dabei immer ein Lächeln auf den Lippen. Unterstützt wird Brenden von seiner Frau Xanthe, die neben Essen und allen anderen notwendigen Aufgaben im Camp auch noch die beiden Kinder „managt“.

Aber zurück ins Blind zu Matthias und Brenden. Beide hatten den Keiler mit festen Blicken fixiert, die Münder waren aber zusammengekniffen und auf der Stirn waren Sorgenfalten zu sehen. Der Wind! Immer wieder aufkommende Böen, die leider auch in der Richtung nicht konstant waren. Der Keiler war maximal angespannt, näherte sich ein paar kleine Schritte um dann gleich wieder ein paar weitere zu flüchten, erstarrte abermals und es ging wieder von vorne los. Er brauchte eine gefühlte Ewigkeit, bis er endlich perfekt breit, auf 20 Meter, vor Matthias am Wasserloch stand und sich anschickte zu schöpfen. Nun aber waren zwei der Frischlinge direkt hinter ihm, was einen ethisch vertretbaren Schuss verunmöglichte. Matthias kämpfte damit, seine Atmung und den Herzschlag wieder auf ein halbwegs normales Maß nach unten zu drücken, wartete weiterhin geduldig auf den richtigen Moment.
Bewegung hinter dem Keiler, die Frischlinge trollten sich. Der Keiler stand, nun deutlich entspannter in Richtung der Bachen blickend, nach wie vor mit perfekter Breitseite. Worte waren nicht mehr nötig. Ein Blick von Matthias zu Brenden, dieser hatte nun wieder sein typisches Lächeln auf den Lippen und nickte. Dann zog Matthias den Bogen lautlos auf und visierte, so wie er es bestimmt tausendmal vorher schon geübt hatte.

Der Pfeil schoss deutlich sichtbar aus dem Dunkel des Blinds auf den Keiler zu, durchschlug ihn mühelos um gleich darauf hinter dem Körper eine Sandfontäne aufzuwirbeln, als er am Boden aufschlug. Kein Geräusch war zu hören. Der Warthogkeiler sauste wie ein geölter Blitz los und verschwand im hohen Gras, auch die anderen Schweine waren nicht mehr zu sehen.
„The Warthog is down, he is down!“ flüsterte Matthias aufgeregt in Richtung Brenden und dieser nickte, immer noch lächelnd.
Der Keiler war keine 60 Meter weit gekommen, bevor ihn der perfekte Doppellungenschuss zum Kollabieren gebracht hatte und nun lag er da, beinahe friedlich und Matthias fiel eine riesige Last, eine Anspannung von Herzen. Matthias ist Techniker und Perfektionist und speziell bei dieser Gelegenheit wollte er keine Fehler machen und war nun überglücklich, dass ihm trotz der widrigen Umstände ein perfekter Schuss zum richtigen Zeitpunkt gelungen war.

Später sagte Matthias über dieses Erlebnis: „Es waren nicht allein die knapp 20 Meter und der erfolgreiche Schuss, die diesen Tag so besonders machten. Auch nicht, dass es mein erster Warzenkeiler war. Es waren die Geduld, die Anspannung, die unmittelbare Nähe zum Wild und schließlich die überwältigende Freude, diesen Augenblick mit meinem Jagdkameraden teilen zu können, was dieses Erlebnis so besonders machten.“
Sophies Story
Sophie kam wie die sprichwörtliche Jungfrau zum Kind in unsere Jagdgruppe. Sie ist die Lebensgefährtin von Matthias, selbst auch Jägerin, aber mit der Büchse. Eigentlich war die Reise für Bogenjäger geplant, aber warum sollte Sie nicht auch mitkommen? Und so entschied sich Sophie kurzfristig zu dieser Reise. Sophie hatte durch ihren Großvater, der einige Jahre aufgrund seiner Profession als Metzgermeister in Südafrika und Namibia gearbeitet hatte, schon viel von diesem Kontinent gehört. Nicht alles war positiv und so war Sie nun sehr gespannt und auch etwas besorgt, wie die Realität mit ihrer Vorstellung zusammenpassen würde.
Wie Sophie später erzählte, war Sie zuerst gleich von der Herzlichkeit, Selbstverständlichkeit und Fürsorge überwältigt, mit der die Gruppe von Brenden, seiner Familie und dem Team empfangen wurde.

Sophies Jagdguide war Armand, der jüngere und etwas stillere Bruder von Brenden, zudem auch Partner bei Silver Thorn Safaris. Armand redet nicht so viel wie Brenden, hält sich eher im Hintergrund, wenn sein Bruder mit den Gästen interagiert aber der Schalk sitzt ihm sichtlich in den Augen. Wie Brenden auch ist Armand nicht nur ein Guide, sondern auch ein exzellenter Bogenschütze und Bogenjäger, wie er bei vielen der Schießübungen mit uns anderen Bogenjägern auf die extra im Busch aufgestellten 3D Tiere unter Beweis stellen konnte.
Was Armand mit Brenden gleich hat, ist der unbedingte Wille, die Wünsche der Jagdgäste zu ermöglichen, ihnen eine aufregende und abenteuerliche Jagd zu bieten und dabei trotzdem bestmöglich auf deren Sicherheit zu achten. Das sind nicht meine Worte, sondern Sophies.
Der Regen, die Kälte und der Wind machte es auch der Jägerin mit der Büchse nicht einfach, an Wild zu kommen. Armand variierte mit ihr zwischen Walk-and-Stalk und Ansitz im Blind. Armand wechselte sofort die Jagdstrategie, sobald er merkte, dass die aktuelle nicht den gewünschten Erfolg zu bringen schien. So informierte er Sophie an einem Abend am Lagerfeuer, am nächsten Morgen schon sehr früh zu einer Pirsch in einem neuen Gebiet aufbrechen zu wollen. Gesagt – getan und um zehn Uhr des nächsten Morgens hatte Sophie bereits 16.000 Schritte auf ihrer Fittnesswatch verbucht. Es war an diesem Tag heiß, kein Regen und so beschlossen die Beiden, sich in ein Blind an ein Wasserloch anzusetzen.

An dieser Wasserstelle waren Rinder, welche bereits vor ein paar Tagen aus der Umzäunung der Farm ausgebrochen waren und bisher noch nicht eingefangen werden konnten. Sophie war etwas irritiert, doch Armand sah das als gutes Zeichen. Genauso war es dann auch. Zwei weibliche Warzenschweine erschienen auf der Bühne und tummelten sich zwischen den Beinen der Rinder. Eines davon schonte deutlich einen Vorderlauf. Eine Schussgelegenheit ergab sich nicht, ohne die Rinder zu gefährden und so waren Sophie und Armand zur reinen Beobachtung verdammt. Nachdem die beiden Bachen ausgiebig geschöpft und gesuhlt hatten, trollte sich die erste, die nicht schonte, wieder in den Busch. Armand fasste Sophie am Ellbogen und bedeutete Ihr sich bereit zu machen. Er deutete ihr eine Stelle zwischen dem Wasserloch und dem hohen Gras, wo das erste Warthog verschwunden war. Dort wollte er die verbliebene Bache mit einem Pfiff kurz stoppen, wenn sie der ersten folgen würde.
Nun trabte auch das zweite Stück, deutlich schonend, in genau die Richtung. Armand pfiff laut, doch die Bache reagierte nicht. Erst beim zweiten Pfiff verhoffte sie und blickte sich um. Sophie hatte sie bereits im Visier, atmete ein wenig aus, zog am Züngel und ließ den Schuss kommen. Deutlich zeichnend quittierte die Bache den Treffer und verschwand mit schnellen Sätzen zwischen den Büschen und dem Gras. Armand blickte Sophie zufrieden an, hob den Daumen und zeigte sein freundlichstes Grinsen.
Nach einer Wartezeit von 15 Minuten untersuchten sie den Anschuss – eindeutig Lungenschweiß! Das Stück lag keine zehn Meter nach dem Anschuss, direkt hinter den ersten Büschen und war mausetot. Bei der darauffolgenden Begutachtung sahen sie, dass dem armen Tier an dem Lauf, auf dem es schonte, die Schalen komplett fehlten und der Stumpf blutig war. Das machte diese erfolgreiche Jagd für Sophie noch befriedigender, noch wertvoller als jede Trophäe, die es zu erbeuten gab, weil Sie dieses Geschöpf vor Leiden und möglicherweise einem qualvollen Dahinsiechen wegen einer Entzündung der Wunde bewahrt hatte.

Sophies Resümee wird mir ebenfalls in Erinnerung bleiben:
„Was ich von dieser Reise außerdem mitnehme, ist die Erkenntnis, dass die Jagd auch für Gewehrjäger eine große Herausforderung sein kann. Wenn die Bedingungen nicht zu 100 Prozent passen, verhält sich das Wild anders, als man es vielleicht erwartet. Aber genau das ist Jagd. Und eines steht für mich fest: Das war definitiv nicht meine letzte Jagdreise mit Silver Thorn Safaris!“
War es nun wirklich eine perfekte Jagdreise?
Die Antwort ist eindeutig – ja und nein! Zuerst mal zu den negativen Aspekten. Das Wetter war einfach beschissen und wir hätten sicherlich deutlich mehr Anblick und Jagderfolg gehabt, wenn es heiß und trocken gewesen wäre und der Wind nicht so oft gedreht hätte. Zum Trost muss gesagt werden, dass das schlechte Wetter auch zu unserem absolut genialen Camp Feeling beigetragen hat.

Zudem waren Leoparden in der Gegend, mehrere von uns hatten ihr hustenartige Bellen sogar über Stunden hinweg, oft besorgniserregend nahe, gehört. Daher war das Wild teilweise sehr verhalten. Aber das ist eben Teil der Jagd, die sich nicht in einem Abschussgatter abspielt. Zum Zweiten hat sich leider wieder gezeigt, dass Farmbesitzer oder Outfitter (jene aus dem Bergrevier), die keine Ahnung von der Bogenjagd haben, einfach keine guten Anlaufstellen für Bogenjäger sind. Darauf werde ich bei meiner nächsten Reiseorganisation noch mehr achten und Brenden hat diesen Umstand auch erkannt.

Auf der Haben-Seite kann ich an ganz erster Stelle verbuchen, dass sowohl die Gruppe wie auch die Gastgeber absolut genial waren. So macht Jagd und Reisen Spaß! Ich denke, dass das nicht unsere letzte, gemeinsame Jagd war. Auch der Abenteuer Faktor war wirklich erfrischend. Wir hatten aber trotzdem keine einzige Situation, die für einen Jagdgast oder einen der Gastgeber ernsthaft brenzlig gewesen wäre.

Unsere Bucketlist wurde leider nicht komplett gefüllt, trotzdem waren alle mit den Jagderfolgen zufrieden und haben Lust auf mehr bekommen. Jeder von uns hat unvergessliche, wunderbare Erinnerungen im Gepäck mit nach Hause genommen. Ich jedenfalls freue mich auf die nächste Reise, die ich mit Silver Thorn Safaris organisieren werde.

